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Elemente einer
franziskanischen Spiritualität
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Die Berufung von Franziskus war es, das Evangelium (griech. = gute Nachricht) zu leben. Bedingt durch die Vielfalt des Evangeliums ist es immer nur möglich, bestimmte Aspekte hervorzuheben und in eine bestimmte Lebensweise umzusetzen. Die Spiritualität (spiritus: latein. = Geist) eines Menschen oder einer Gruppe von Menschen ist daher geprägt von dem Blickwinkel, von dem er bzw. sie auf das Evangelium schaut und von den Erfahrungen, die sein bzw. ihr Leben geprägt haben.
Da auch das Leben und Wirken von Franziskus äußerst vielfältig und vielschichtig ist, beschränkt sich die Darstellung auf einige wesentliche Grundzüge seiner Spiritualität sowie kurzer Hinweise auf  Bestandteile einer franziskanischen Spiritualität heute.


1. DAS EVANGELIUM LEBEN

Der (religiöse) Weg von Franziskus war nicht von Anfang an vorgezeichnet. Vor aller Entscheidung war Franziskus vor allem ein Suchender. Dies blieb er zeit seines Lebens. Nach Jahren der Suche und des Ringens um seinen Weg wählt er das Evangelium als Maßstab und Richtschnur seines Lebens. Daraus dann besonders die konkrete Lebensform Jesu und der Apostel (vgl. Punkt 9: „Das ist es, was ich will.“).
Franziskanische Spiritualität heute: Das ehrliche Suchen und Fragen nach dem richtigen Weg. Unsicherheiten aushalten. Religiöse Entwicklung als lebenslanger Prozess. Die regelmäßige Lektüre des Wortes Gottes (Bibel / Evangelium) als Inspiration für das eigene Leben. Das Hören auf Gottes Wort und auf Menschen, die nach diesem Wort leben. Die Liebe als Handlungsprinzip.

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2. RADIKAL AUF GOTT VERTRAUEN

Kennzeichnend für Franziskus ist seine Unmittelbarkeit Gott gegenüber. Mehrfach betont er in seinen Schriften, dass Gott selbst es war, der ihn geführt hat. „Und nachdem mir der Herr Brüder gegeben hat, zeigte mir niemand, was ich zu tun hätte, sondern der Höchste selbst hat mir geoffenbart, dass ich nach der Vorschrift des heiligen Evangeliums leben solle“ (Test 14). Ebenso ist es Gott selbst, der andere Brüder in die Nachfolge seines Sohnes beruft: „Wenn jemand auf Gottes Eingebung hin dieses Leben annehmen will und zu unseren Brüdern kommt, werde er liebevoll von ihnen aufgenommen“ (NbReg 2,1). Wichtig ist Franziskus stets, dass Gott selbst der Maßstab des Handelns bleibt und nicht der Mensch bzw. Franziskus mit seinen Anweisungen. „Der Herr hat mir gegeben“, dieser Grundklang aus seinem Testament durchzieht alle Weisungen von Franziskus. Sehr häufig fügt er in seinen Schreiben Wendungen an wie „wie der Herr ihnen die Gnade gibt“, „mit dem Segen Gottes“, „durch göttliche Eingebung“, „wie es ihnen nach Gottes Willen am ratsamsten erscheint“, „was immer der Herr ihnen eingeben wird“ usw. Gott ist die Wurzel, aus dessen Kraft er radikal, d.h. von dieser Wurzel her leben kann.
Franziskanische Spiritualität heute: Entwicklung und Pflege der persönlichen Gottesbeziehung. Entwicklung einer eigenen Spiritualität. Suche nach der ganz persönlichen Berufung.

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3. UNIVERSAL DENKEN, FÜHLEN UND HANDELN

Im Denken, Fühlen und Handeln von Franziskus ist ein universaler Grundzug erkennbar. In seinen Schriften gebraucht er häufig das Wort „alles“, Kennzeichen seines leidenschaftlichen Temperamentes, seines weiten Herzes und seiner weltumspannenden Mystik. Besonders zum Ausdruck kommt sein Universalismus in seinem Stoßgebet „Mein Gott und Alles“ („Deus meus et omnia“; vgl. Opucula Actus, caput I). Das zentrale Geheimnis, der Eine Gott, enthält alles, die ganze Welt, die Schöpfung, alle Kreaturen, jeden Menschen. So heißt es in 2 Cel 165: „Auf den Spuren, die den Dingen eingeprägt sind, folgte er überall dem Geliebten nach und machte alles zu einer Leiter, um auf ihr zu seinem Thron zu gelangen.“ Und an anderer Stelle: „Als ihn eines Tages ein Bruder fragte, warum er auch die Schriften der Heiden und solche, in denen der Name des Herrn nicht stand, so eifrig sammle, antwortete er: ‚Mein Sohn, weil in ihnen die Buchstaben vorkommen, aus denen man den glorwürdigen Namen des Herrn zusammensetzen kann. Auch eignet das Gute, das sich dort findet, nicht den Heiden noch irgendwelchen Menschen, sondern Gott allein, dem jegliches Gute zu eigen gehört’“ (1 Cel 82). „Da ich Knecht aller bin, so bin ich verpflichtet, allen zu dienen“, schreibt Franziskus im zweiten Brief an die Gläubigen. Er erfährt sich als von Gott herkommend, durch ihn erlöst, von ihm geliebt und getragen. In dieser Freiheit und Weite, in dieser Rückbindung an Gott als den „Reichtum zur Genüge“, als „Zuflucht“ und „unsere ganze Wonne“ (LobGott) können seine Brüder und er ‚um Gottes willen’ Knechte und Untergebene ‚jeder menschlichen Kreatur’ sein“ (2 Gl 47). Das „Kloster“ ist für ihn die Welt (vgl. Punkt 9).
Franziskanische Spiritualität heute: Die Welt als Einheit wahrnehmen und verstehen.

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4. MIT EHRFURCHT VOR UND IN DER SCHÖPFUNG LEBEN

Franziskus sieht die Welt als Einheit und Ganzes. Die Schöpfung verweist ihn auf Gott, sie ist transparent, durchsichtig auf den Schöpfer hin. „Wir, die wir bei ihm waren, haben gesehen, mit welch großer Betroffenheit und Liebe er [Franziskus] die Geschöpfe liebte und verehrte. Und durch sie wurde er innerlich froh. Sein Geist wurde mit Zärtlichkeit und Mitleiden zu allen Geschöpfen erfüllt, so dass er verwirrt wurde, wenn jemand die Dinge ohne Ehrfurcht behandelte. So sprach er voll Begeisterung mit den Geschöpfen, als ob sie ein Gefühl für Gott hätten, verehren und sprechen könnten. Und viele Male geriet er dabei in jenen Zustand der Betrachtung Gottes, in dem jedes Zeitgefühl schwand“ (SlgP 86), berichtet die Dreigefährtenlegende. Für Franziskus wurden alle Geschöpfe, alle Elemente und Dinge zu „Schwestern“ und „Brüdern“. Durch sie und mit ihnen lobt er im Sonnengesang den Schöpfer alles Guten. Alles Geschaffene sieht er in Bezug auf den dreifaltigen Gott: Im Lamm verehrt er die Demut Christi, Schafe kauft er vom Schlächter los, um sie vom Tod zu erretten, den Wurm hebt er von der Straße auf, da Christus wie ein Wurm zertreten wurde, auf Felsen ging er behutsam aus Respekt vor Jesus, dem Felsen, das Feuer wollte er nicht löschen und das Wasser nicht mit Füßen treten, im Garten sollte es stets ein Stück für Wildkräuter geben (vgl. 2 Cel 165).
Franziskanische Spiritualität heute: Die Dinge nicht nur in ihrem Gebrauchswert, sondern in ihrem Eigenwert betrachten. In allem Geschaffenen den Schöpfer erblicken (Symbolwert). Umweltschutz als Mitweltschutz verstehen. Einen nachhaltigen Lebensstil pflegen.

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5. DEN GEIST DES HERRN HABEN

Die Wahrnehmung von Franziskus, seine Sicht von Gott und Welt, ist kontemplativ. In seinen Schriften findet sich das Wort „contemplari“ = schauen, beobachten. Es geht um ein Geschehen des Herzens und damit des ganzen Menschen. Kernstück und Zielpunkt seiner Regel ist es „Den Geist des Herrn zu haben und sein heiliges Wirken“ (BReg 10,8). Im Sinne des jesuanisch-biblischen Hauptgebotes Gott zu lieben „aus ganzem Herzen, aus ganzer Seele, … mit allen Kräften, mit ganzer Anstrengung, mit ganzer Zuneigung, mit unserem ganzen Innern, mit allen Wünschen“ (NbReg 23,8). Die Kontemplation, das Schauen der Dinge, die Schönheit der Schöpfung führt Franziskus zum Staunen, das Sich-Hineinversenken und Eintauchen in Gott zu Lobpreis und Danksagung. Gott ist es, der im Menschen wirkt. Eines der Lieblingsworte von Franziskus ist das „reddere“, das Zurückgeben. Er erstattet Gott das mit Lob und Dank zurück, was er von ihm in reichem Maße empfangen hat. Kontemplation nimmt ihren Ausgang in der Welt und führt in der Verbundenheit mit Gott wieder in die Welt hinein. Franziskus hat sich häufig in die Einsamkeit der Einsiedeleien zurückgezogen, um im Zwiegespräch mit Gott zu sein (vgl. seine Regel für Einsiedeleien). Daraus gestärkt ist er wieder durch die Welt gezogen und hat die Menschen teilhaben lassen an der Wirklichkeit Gottes, wie er sie erfahren hat. Gemäß einer zeitgenössischen lateinischen Formel wollte Franziskus „contemplando se tradere“ = sich in der Haltung der Kontemplation hingeben, d.h. alles wird für ihn zum Ort der Kontemplation (Arbeit, Leben mit den Armen, Gemeinschaft, Schöpfung usw.). Für Franziskus ist „Bruder Leib“ seine „Zelle“ (seine Klausur), „und die Seele ist die Einsiedlerin, die zum Gebet und zur Meditation darin weilt“ (SlgP 108; vgl. 2 Cel 94). Kontemplation und Aktion gehören für Franziskus zusammen (vgl. 1 Cel 35).
Franziskanische Spiritualität heute: Kontemplative Grundhaltung. Zeiten der Stille. Offenheit für Gott und sein Wirken. Zusammenspiel von Kontemplation und Aktion, von Mystik und Politik.

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6. VERWEILEN IN DER LIEBE

Franziskus war ein „Verehrer der Dreifaltigkeit“ (DreiGefLeg 29). Seine trinitarische Ausrichtung kommt besonders in der nichtbullierten Regel (Kap. 22) zum Ausdruck sowie in seinen Gebeten, vor allem im Passionsoffizium. „Nichts anderes wollen wir ersehnen, nichts anderes wollen, nichts anderes soll uns gefallen und erfreuen als unser Schöpfer und Erlöser und Retter, der alleinige wahre Gott, der ist die Fülle des Guten, alles Gute, das gesamte Gute, das wahre und höchste Gut…“ (NbReg 23,9). Diesem höchsten Gut widmet er einen umfassenden Lobpreis (Lob Gott). Für Franziskus war das Verweilen bei seinem Schöpfer, in der Fülle des Guten, Gebet. Diese (Liebes)Beziehung zum wahren und höchsten Gut pflegte er auf intensive Weise, so sehr, dass sein Biograph Thomas von Celano schreiben kann: „Der ganze Mensch war nicht so sehr Beter als vielmehr selbst Gebet geworden“ (2 Cel 95). Beten war für Franziskus ein kreativer Akt. Das Passionsoffizium ist beispielsweise eine freie Zusammenstellung von Psalmversen, die Franziskus aus der Liturgie kannte.
Franziskanische Spiritualität heute: Pflege des Gebetes. Kreatives Beten mit der Kirche.

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7. EINE WELTBEJAHENDE „EINGEFLEISCHTE“ SPIRITUALITÄT ENTWICKELN

Der Eine Gott wohnt jedoch „in unzugänglichem Licht“ (1 Tim 6,16). Durch die Menschwerdung seines Sohnes hat er sich für uns Menschen erkennbar gemacht. Die Inkarnation Gottes ist für Franziskus der zentrale Ausgangspunkt seines Gottesverständnisses. Der große Gott macht sich klein, er entäußert sich. Er ist der demütige. „Du bist die Demut“ betet Franziskus im Lobpreis Gottes (LobGott 4). Franziskus ist derart fasziniert von diesem Geheimnis, dass er es in Greccio nachspielen lässt, die erste Krippenfeier der Geschichte (vgl. 1 Cel 84). Durch seine Menschwerdung wird die Nähe Gottes in dieser Welt erfahrbar. Auch wenn Franziskus formuliert: Nach der Begegnung mit dem Aussätzigen „hielt ich eine Weile inne und verließ die Welt“ (Test 3), so meint dies ein Verlassen seiner bisherigen Welt und einen Standortwechsel (s. u.), der mit einer neuen Hinwendung zur Welt verbunden war: zur Welt, in die Gott sich „eingefleischt“ hat, die er bejaht, die er erlösen will. „Welt“ ist als Schöpfung positiv zu sehen. „Welt“ ist aber auch der Ort, an dem sich der Mensch von Gott lossagt und sich in sich selbst verschließt. Diese Art von Welt verlässt Franziskus, um ein Leben der „Buße“ zu führen, d.h. ein Leben in der Hinwendung zu Gott (s. u.).
Franziskanische Spiritualität heute: Bejahung der Welt. Christliches Leben mitten in der Welt (nicht Weltflucht). Eine geerdete Spiritualität in der Haltung der Demut („humilitas“: darin steckt „humus“ = Boden). Die Hinwendung zu den Menschen. Das Achten des Kleinen und Geringen.

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8. DEM ARMEN DEMÜTIGEN CHRISTUS FOLGEN

Das Denken von Franziskus ist über weite Strecken christologisch geprägt. Die Welt, die Schöpfung hat in Christus ihre konzentrierende Mitte. Franziskus erkennt als seinen Auftrag, dem „armen demütigen Christus“ zu folgen. Er „entschloss sich, nicht für sich allein zu leben, sondern dem, der für alle gestorben ist; denn er wusste sich dazu gesandt“, so sein Biograph Thomas von Celano (1 Cel 35; vgl. 2 Kor 5,14f.). In den Sonnengesang hat Franziskus durch die 33 Zeilen die Lebenszeit Jesu und durch die Beziehungen zwischen erster und letzter Strophe das Christusmonogramm hinein gewoben. Am Ende seines Lebens wird Franziskus auf dem Berg La Verna die Wundmale Christi in Form der Stigmata empfangen, Zeichen der Ähnlichkeit nach rund zwanzig Jahren der Suche und Nachfolge. Ein „zweiter Christus“ wird Franziskus später genannt werden.
Franziskanische Spiritualität heute: Leben in den Fußspuren Christi. Vertiefung in sein Denken und Handeln.

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9. INNERLICH UND ÄUSSERLICH BEWEGLICH BLEIBEN

Zentrales Kernelement bildet für Franziskus und seine Brüder die Nachfolge Jesu in Form des Wanderlebens, wie es Jesus mit seinen Aposteln geführt hat. Das Evangelium von der Aussendung der Jünger ist für Franziskus der Anstoß, das Einsiedlergewand abzulegen und sich zu kleiden, wie im Evangelium angegeben (vgl. DreiGefLeg 8,25). Als er „hörte, dass die Jünger Christi nicht Gold oder Silber noch Geld besitzen, noch Beutel, noch Reisetasche, noch Brot, noch einen Stab auf den Weg mitnehmen, noch Schuhe, noch zwei Röcke tragen dürfen, sondern nur das Reich Gottes und Buße predigen sollten, frohlockte er sogleich im Geiste Gottes und sprach: ‚Das ist es, was ich will! Das ist es, was ich suche! Das verlange ich aus innerstem Herzen zu tun’“ (1Cel 22). Dies wird noch einmal bestätigt, indem Franziskus mit den beiden ersten Brüdern, die sich ihm anschließen, drei Mal das Evangelienbuch öffnet und sie die Stellen vom Verkauf des Besitzes, von der Aussendung und vom Kreuztragen finden. Im „Sacrum Commercium“ (SC 63) bittet die Herrin Armut die Brüder, „man möge ihr das Kloster zeigen“. Die Brüder führen sie auf einen Berg, zeigten ihr das gesamte Panorama, das sich bot, und antworteten: „Das ist unser Kloster.“ Das franziskanische Kloster ist also die Welt, sind die Menschen, nicht bestimmte Orte, nicht die Klausur. Der franziskanische Ort (= topos) ist Ort-los (utopisch). Die Beheimatung war für Franziskus zum einen die Berufung und zum anderen die Bruderschaft. Seine besondere Liebe galt dem Ursprung(sort), der „Portiuncula-Kapelle“ als Wiege des Ordens (vgl. 2Cel 18: „etwas musste er von der Erde haben, denn anders hätte er Christus nicht dienen können“).
Franziskanische Spiritualität heute: Flexibilität und Nicht-Gebundenseins an bestimmte Orte. Innerlich und äußerlich beweglich bleiben. Sich nichts aneignen. Die Zeichen der Zeit erkennen. Neue Herausforderungen annehmen.

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10. KREATIV UND SCHÖPFERISCH SEIN

Franziskus war erfüllt von schöpferischer Kraft. Gern sang er seine Lobgesänge auf französisch (obwohl er die Sprache nur unzureichend konnte), er nahm sich zwei Stöcke und spielte darauf wie auf einer Geige (vgl. 2 Cel 127), er dichtete und komponierte in großer Sprachfülle den Lobpreis Gottes, den Sonnengesang und das Passionsoffizium. Das zentrale Heilsgeheimnis von Weihnachten stellte er als Krippenspiel nach (1 Cel 84). Am Ende seines Lebens teilte er mit seinen Brüdern Brot, wie es Jesus beim Abendmahl getan hatte. In großer Freiheit und sensibler Kreativität gestaltete er immer wieder situationsbezogene Rituale, um seine Brüder (und Schwestern) auf wichtige Aspekte hinzuweisen, so bei den verschiedenen Ascheritualen (vgl. 1 Cel 51; 1 Cel 110; 2 Cel 61; 2 Cel 207).
Franziskanische Spiritualität heute: Den Glauben lebendig gestalten. Kreativer Umgang mit Ritualen und Symbolen.

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11. DIE EUCHARISTIE ALS BEZIEHUNGS- UND KRAFTQUELLE FEIERN

Zugang zu Jesus Christus haben wir über sein Wort und die Sakramente, insbesondere die Eucharistie. „Nichts haben und sehen wir nämlich leiblich in dieser Weltzeit von ihm, dem Allerhöchsten selbst, als den Leib und das Blut, die Namen und Worte, durch die wir geschaffen und erlöst sind“ (BrKler 3). Franziskus liegt daher besonders die Verehrung der Eucharistie am Herzen (vgl. BrOrd 12f.). „Diese heiligsten Geheimnisse will ich über alles hochgeachtet, verehrt und an kostbaren Stellen aufbewahrt wissen“ (Test 11).
Franziskanische Spiritualität heute: Eucharistie als Kraftquelle des spirituellen Lebens. Zeitgemäße Formen eucharistischer Feier und Frömmigkeit. Solidarität und Teilen. Stiften von Beziehung.

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12. EINE BE-GEIST-ERTE KIRCHE MITGESTALTEN

Für Franziskus ist der heilige Geist der eigentliche Leiter seiner Gemeinschaft, der eigentliche Generalminister (vgl. 2 Cel 193). Durch den Höchsten selbst hat er seine Berufung erfahren, durch den hl. Geist seine Lebensform vermittelt bekommen. Franziskus weiß sich aber eingebunden in kirchliches Handeln. In einer Zeit, die geprägt war von zahlreichen häretischen Bewegungen, war es nicht unwesentlich, sich im Rahmen der Kirche zu bewegen (vgl. 2 BrGl 32f.; Ord 44; Test 6ff.). So ist es ihm wichtig, seine Lebensweise vom Papst (damals Innozenz III.) bestätigt zu bekommen (vgl. 1 Cel 32). In Bezug auf die Priester und kirchlichen Würdenträger mahnt er eine große Achtung an, da sie es sind, durch deren Vermittlung den Gläubigen die Eucharistie gereicht wird – selbst dann, wenn ihr Lebenswandel nicht dem Evangelium entspricht (vgl. Test 6-10). Die Brüder sollen in Treue feststehen im „katholischen Glauben“ [hier noch kein konfessioneller Begriff], heißt es nicht nur in der Regel (BReg 12,4). Franziskus hat die Kirche nie direkt kritisiert, sondern einem authentischen Lebensstil den Vorrang gegeben, der anderen Menschen Vorbild sein kann. Fior 16: „Denn er hat dich nicht allein erwählt um deiner selbst willen, sondern auch zum Heil anderer.“ Entscheidend für ihn war stets das Evangelium. Als Prinzipien gelten ihm: Hören statt Hörigkeit, Charisma statt Macht, Lieben statt Verurteilen, Dialog führen statt einander bekämpfen, den Glauben mit dem Leben bezeugen statt durch Wort und Schwert verteidigen/durchsetzen. Am massivsten hat er sich daher (trotz aller Kirchentreue) in der Frage der Kreuzzüge über die kirchliche Auffassung seiner Zeit hinweggesetzt (s.u.). Aufgrund dieser Prinzipien verbot Franziskus die Annahme jedweder Privilegien (vgl. Test 25; Jord 13).
Franziskanische Spiritualität heute: Authentisches Leben nach dem Evangelium. Geschwisterliche Gemeinschaft. Leben mit und in der Kirche. Kritische Auseinandersetzung mit kirchlichen Entwicklungen. Erneuerungsbewegung innerhalb der Kirche sein („ecclesia semper reformanda“). Prophetische Kraft entfalten. Verzicht auf Privilegien jeder Art. Vorrang des (evangelischen) Lebens vor dogmatischen, juristischen und kirchenrechtlichen Regelungen.

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13. MIT ARMEN UND AUSGEGRENZTEN (SOLIDARISCH) LEBEN

Ein wesentliches Element seiner Bekehrung (= conversio) war für Franziskus die Begegnung mit dem Aussätzigen. Die Dreigefährtenlegende konstatiert: „Nach den Besuchen bei den Aussätzigen war er ein anderer Mensch geworden“ (DreiGefLeg 12). Die Begegnung mit den Ausgesetzten hat Franziskus verändert. Die Dreigefährtenlegende hält auch fest, dass es der Aussätzige war, der Franziskus den Friedenskuss gegeben hat und nicht umgekehrt. „Und während er sonst gewohnt war, vor Aussätzigen großen Abscheu zu haben, tat er sich jetzt Gewalt an, stieg vom Pferd, reichte dem Aussätzigen ein Geldstück und küsste ihm die Hand. Dann empfing er (= Franziskus) von ihm (= dem Aussätzigen) den Friedensgruß“. Wo sich Franziskus zunächst Gewalt antun musste, wurde ihm das „in Süßigkeit des Leibes und der Seele verwandelt“ (Test 3), wie er in seinem Testament am Ende seines Lebens bekennt. Die Brüder „müssen sich freuen, wenn sie mit gewöhnlichen und verachteten Leuten verkehren, mit Armen und schwachen, mit aussätzigen und mit Bettlern am Weg“ (NbReg 9,3).
Franziskanische Spiritualität heute: Das Leben mit den Armen und Ausgegrenzten. Die Hinwendung zum einzelnen Menschen. Die Christusbegegnung im Armen und Ausgegrenzten. Engagement im Sozialbereich. Solidarität mit den Betroffenen. Unterstützung von Projekten in aller Welt. Theologische Reflexion aus der Perspektive der Armen und Marginalisierten (Theologie der Befreiung). Die Menschenrechte als universal einfordern (vgl. Franciscans International als Nichtregierungsorganisation bei den Vereinten Nationen).

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14. EINEN GESELLSCHAFTLICHEN STANDORTWECHSEL VOLLZIEHEN

Die Bekehrung von Franziskus war verbunden mit einem sozialen Standortwechsel. Franziskus verlässt mit seinen Gefährten die Oberstadt der Reichen Assisis (der „maiores“) und begibt sich vor die Tore der Stadt. Er will ein „minores“ ein, ein Minderer. Dies ist nicht im Sinne einer moralischen Kategorie der Minderwertigkeit zu verstehen, sondern als eine theologische und zugleich soziale Kategorie des Dienens (vgl. Mt 25,40.45; Lk 22,26).
Franziskanische Spiritualität heute: Gesellschaftlicher Standortwechsel hin zu den Armen. Kritische Sicht von Systemen, die zu Ungerechtigkeit und zur Benachteiligung der Armen führen: Kolonialismus, Imperialismus, Globalisierung usw. Zusammenarbeit mit den sozialen Bewegungen.

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15. SICH NICHTS ANEIGNEN

Franziskus war von Hause aus Kaufmannssohn und für damalige Verhältnisse ein „Neureicher“. Die aufkommende Geldwirtschaft (Frühkapitalismus) trug zum Aufstieg des Bürgertums bei, das einen neuen Stand innerhalb der Gesellschaft bildete. Franziskus sah deutlich die Gefahren der wirtschaftlichen Veränderungen und lehnte den Gebrauch von Geld kategorisch ab. „Wenn wir irgendwelches Eigentum besitzen würden, so müssten wir unbedingt zu unserem Schutz auch Waffen haben. Daraus entstehen aber Streitigkeiten und Zank, und dadurch wird die Liebe Gottes und des Nächsten gewöhnlich stark gehemmt. Und deshalb wollen wir in dieser Welt nichts Irdisches besitzen“ (DreiGefLeg 35). Während die Mitglieder der monastischen Orden zwar persönlich arm lebten, aber als Orden bzw. Abteien große Güter besaßen, lehnte Franziskus für seine Gemeinschaft jedweden Besitz ab. Dem „armen“ Christus wollte er folgen und auf jedweden finanziellen Rückhalt verzichten. Das Gelübde der Armut ist bei ihm vor allem christologisch motiviert (vgl. das Testament von Franziskus an die Schwestern Klarissen: „Ich, der ganz kleine Bruder Franziskus, will dem Leben und der Armut unseres höchsten Herrn Jesus Christus nachfolgen“). „Die größte Freude hatten sie an der Armut, weil sie keine Reichtümer begehrten, sondern alles Vergängliche verschmähten… Vor allem aber traten sie das Geld wie Staub mit den Füßen“ (DreiGefLeg 11,45). Die große Bedeutung der Armut für die franziskanische Bewegung verdeutlicht die Schrift „Der Bund des hl. Franziskus mit der Herrin Armut“.
Franziskanische Spiritualität heute: Leben in Einfachheit. Teilen der Güter. Solidarität mit den Armen.

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16. DIE ARBEIT ALS GNADE SCHÄTZEN

Franziskus ging es nicht um einen rein asketischen Verzicht, sondern um ein alternatives Lebensmodell zu den aufkommenden Produktions- und Wirtschaftsverhältnissen. Dazu gehörte für ihn der Verzicht auf gesicherte Arbeit, der Versicht auf sozial bedeutsame Tätigkeiten, der Verzicht auf das Einfordern von Rechten und die Solidarität mit den lohnabhängigen Armen. Körperliche Arbeit war seit der Antike Sklaven- und Knechtsdienst. Für Franziskus ist Arbeit eine Gnade und „jene Brüder, denen der Herr die Gnade zu arbeiten gegeben hat, sollen in Treue und Hingabe arbeiten“ (BReg 5,1). Gemeint ist vor allem die Handarbeit. Die Arbeit soll in einem Maß erfolgen, dass sie „den Geist des Gebetes und der Hingabe nicht auslöscht“, d.h. das Gebet vollzieht sich (auch) in der Arbeit. Das Ineinander von Gebet und Arbeit ist das Lebensprogramm von Franziskus. Durch die Arbeit tragen die Brüder zum Lebensunterhalt bei. Nur wenn das nicht reicht, dürfen sie betteln gehen.
Franziskanische Spiritualität heute:
Arbeit als Gnade schätzen. Durch die Arbeit zum Lebensunterhalt beitragen. Die Arbeit auf das spirituelle Leben hinordnen. Neue Sicht von Arbeit im Zeichen der umfassenden Durchökonomisierung des Lebens. Solidarität mit Menschen ohne (bezahlte) Arbeit.

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17. EINANDER ALS BRUDER (SCHWESTER) BEGEGNEN

Für Franziskus ist der hl. Geist nicht nur Leiter der gesamten Bruderschaft, sondern jedes einzelnen Bruders. Franziskus wollte keine Uniformität (vgl. 1 Cel 102; Spiegel der Vollkommen-heit 85). Jeder Einzelne soll seine ganz persönliche Berufung entdecken und sein eigenes Charisma (vgl. NbReg 2,1;16,3). So schreibt er an Bruder Leo: „Auf welche Weise auch immer es dir besser erscheint, Gott, dem Herrn, zu gefallen und seinen Fußspuren und seiner Armut zu folgen, so tut es mit dem Segen Gottes, des Herrn, und mit dem Gehorsam gegen mich“ (BrLeo 3). Kernelement seiner Lebensweise ist für Franziskus die Brüderlichkeit (fraternitas). Da die ersten Brüder umherziehen und keinen festen Wohnsitz haben, kommt es wesentlich auf die personalen Beziehungen untereinander an. „Mit überaus herzlicher Liebe liebten sie einander, und der eine umhegte den andern und pflegte ihn wie eine Mutter ihren einzigen und geliebten Sohn“, heißt es in der Dreigefährtenlegende (11,41). Franziskus wünscht sich ein familiares Modell für seine Bruderschaft. Dieses Anliegen findet sich auch in der Regel: „Und wo immer die Brüder sind und sich treffen, sollen sie sich einander als Hausgenossen erzeigen. Und vertrauensvoll soll einer dem anderen seine Not offenbaren; denn wenn schon eine Mutter ihren leiblichen Sohn nährt und liebt, um wie viel sorgfältiger muss einer seinen geistlichen Bruder lieben und nähren? Und wenn einer von ihnen schwer krank werden sollte, dann müssen die anderen Brüder ihm so dienen, wie sie selbst bedient sein wollen“ (BReg 6).
Franziskanische Spiritualität heute: Die Spannung zwischen individueller Berufung und Gesamtberufung der Bruderschaft kreativ gestalten. Das eigene Charisma pflegen und den Auftrag der Bruderschaft mittragen. Geschwisterlichkeit (Brüderlichkeit) leben. Interesse aneinander und Fürsorge füreinander.

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18. ÄMTER ALS DIENST AN DEN BRÜDERN AUSÜBEN

Aus der Brüderlichkeit leitet sich für Franziskus die Gleichheit aller Brüder ab. Alle nennen sich Brüder und sollen sich auch so verhalten. Es gibt keine Rangordnung durch unterschiedliche Berufe, schon gar nicht zwischen Priestern und Nichtpriestern. An die Stelle eines hierarchischen Modells setzt er ein demokratisches Modell. Jedes Amt ist ein Dienstamt und wird daher nur auf Zeit ausgeübt. Um den Dienstcharakter deutlich zu machen, nennt er die Verant-wortlichen nicht Abt oder Prior, sondern „minister“ (= Diener). In der Regel ist dies noch verstärkt: „Die Brüder, die Minister und Diener der anderen Brüder sind…“ (BReg 10,1). „Jene, die durch das Oberenamt oder durch irgendeine Gnade herausragten, erschienen noch demütiger und geringer als die übrigen“, berichtet die Dreigefährtenlegende (11,42). Auch für sich selbst bestimmt Franziskus einen Bruder als Oberen (Guardian; vgl. Test 27; DreiGefLeg 14,57). Wenn es Schwierigkeiten mit Brüdern in Leitungsämtern gibt, entscheidet das Kapitel als höchste Instanz. Da Franziskus um die Gefahr der Korrumpierung durch Macht weiß, mahnt er die Brüder: „Jene, die über andere gesetzt worden sind, sollen sich nur so dieses Oberenamtes rühmen, wie sie es tun würden, wenn sie zum Dienst der Fußwaschung an den Brüdern bestimmt worden wären. Und je mehr sie über den Entzug des Oberenamtes stärker in Aufregung versetzt werden als über das Amt der Fußwaschung, um so mehr häufen sie sich Reichtümer an als Gefahr für die Seele“ (Erm 4).
Franziskanische Spiritualität heute: Jedes Amt in Verantwortung als Dienstamt ausüben. Nicht über andere herrschen. Barmherzigkeit üben. Jeder Form von Klerikalisierung widerstehen.

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19. EINANDER BARMHERZIGKEIT ERWEISEN

Franziskus war es wichtig, niemanden zu verurteilen, weder ob seiner Kleidung noch seines Lebensstiles noch seiner Verfehlungen (vgl. DreiGefLeg 14,58). Auch gegen die Brüder, die sich verfehlt hatten, übte er Nachsicht und Barmherzigkeit und forderte dies auch von den Ministern (Leitungsverantwortlichen) ein: „Und darin will ich erkennen, ob du den Herrn und mich, seinen und deinen Knecht, liebst, wenn du folgendes tust, nämlich es darf keinen Bruder auf der Welt geben, mag er auch gesündigt haben, soviel er nur sündigen konnte, der deine Augen gesehen hat und dann von dir fortgehen müsste ohne dein Erbarmen, wenn er Erbarmen sucht. Und sollte er nicht Erbarmen suchen, dann frage du ihn, ob er Erbarmen will. Und würde er danach auch noch tausendmal vor deinen Augen sündigen, liebe ihn mehr als mich, damit du ihn zum Herrn ziehst. Und mit solchen habe immer Erbarmen“ (BRMin 9f.)  Die ersten Gefährten bestätigen, dass Franziskus selbst diese Haltung gelebt hat: „Denn Franziskus sprach voll Mitleid zu ihnen, nicht wie ein Richter, sondern wie ein barmherziger Vater zu seinen Söhnen und wie ein guter Arzt zu den Kranken. Er verstand es, mit den Schwachen schwach und mit den Betrübten traurig zu sein“ (DreiGefLeg 14,59). Ein exemplarisches Beispiel dafür ist seine Solidarität mit dem Bruder, der nachts von Hunger gequält wird. „Da ließ der selige Franziskus ein Mahl bereiten, und weil er ein Mensch voll Liebe und Weisheit war, aß er mit jenem Bruder, damit er sich nicht schäme, allein zu essen; und weil er es so wollte, aßen auch alle anderen Brüder mit ihm“ (Spiegel der Vollkommenheit 27).
Franziskanische Spiritualität heute: Barmherziger Umgang mit der eigenen Unvollkommenheit und Schwäche und mit der der anderen. Wertschätzung auch des Fragmentarischen und Gebrochenen.

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20. AUF GOTT UND DIE GEMEINSCHAFT HÖREN

Aus dem Gesagten ergibt sich das Gehorsamsverständnis von Franziskus. Da die Brüder (zu zweit oder in kleinen Gruppen) durch die Welt zogen und zumindest in der Anfangszeit nicht in festen Niederlassungen wohnten, beruhte die Ordensstruktur auf der Gehorsamsbeziehung. Sie war symmetrisch, d.h. nicht im Sinne Oberer – Untergebener, sondern alle trugen gemeinsam die Verantwortung für ihr evangelisches Lebensprojekt. Der „Guardian“ (= Hüter) oder „Custos“ (= Wächter) war im Sinne des Guten Hirten um das Wohl der einzelnen Brüder besorgt und darum, im Geist der Regel das Evangelium zu leben. Die Gemeinschaft kann ihren „Minister“ zurechtweisen, zur Rechenschaft ziehen oder ganz absetzen, wenn er seine Aufgabe nicht erfüllt. Entscheidend für den Gehorsam ist das Hören auf den Willen Gottes. Er hat stets Priorität vor den Anordnungen der Leitungsverantwortlichen. „Wenn aber der Obere [dem Bruder] etwas gegen seine Seele befehlen würde, so darf er ihm zwar nicht gehorchen, soll ihn aber nicht verlassen“, sagt Franziskus in seinen Ermahnungen (Erm 3).
Franziskanische Spiritualität heute: Hören auf den Willen Gottes und den Anspruch aus den Zeichen der Zeit. Polarität zwischen den Interessen der Gemeinschaft und des Einzelnen. Ver-fügbarkeit für neue Aufgaben.

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21. PERSÖNLICH UND GEMEINSCHAFTLICH UMKEHREN

Am Ende seines Lebens hat Franziskus in seinem Testament sein Ideal in den Worten zusammengefasst: „So hat der Herr mir, dem Bruder Franziskus, gegeben, das Leben der Buße zu beginnen“ (Test 1). Als die ersten Brüder auf ihren Predigtzügen gefragt wurden, wer und was sie seien, antworteten sie schlicht und einfach: „Büßer aus der Stadt Assisi“ (DreiGefLeg 37). Evangelische Vollkommenheit bedeutet für Franziskus, „im wahren Glauben und in der Buße aus(zu)harren“ (NbReg 23 ,7). Gott allein wird zur Mitte seines Lebens. „Nichts anderes wollen wir darum ersehnen, nichts anderes wünschen, nichts anderes soll uns gefallen und erfreuen als unser Schöpfer und Erlöser und Heiland“ (NbReg 23,9). Zunächst geht es Franziskus um die persönliche Buße als Form der Umkehr, um eine existentielle und immer wieder neu einzuübende Grundhaltung Gott und den Menschen gegenüber.
Dazu lädt er alle Menschen ein. Das Mittel, das Franziskus für seine Verkündigung wählt, ist die Bußpredigt (vgl. BrKust I6). Alle Menschen und auch die ganze Schöpfung sollen im Sinne der biblische „metanoia“ umkehren zu Gott und ihn als Schöpfer, Erlöser und Retter anerkennen. In der Nichtbullierten Regel (NbReg 21) findet sich eine Vorlage, wie die Brüder eine solche Bußpredigt halten sollen. Dieser Bußruf („exhortation“), der auch von Laien vollzogen werden konnte, ist zu unterscheiden von der Bußpredigt („praedicatio“), die als Verkündigung der kirchlichen Lehre den Amtsträgern (Bischöfe, Priester und Diakone) vorbehalten war. Der Bußruf (die „Exhorte“) war volkstümlich auf das praktische Leben ausgerichtet, fand auf Straßen und Plätzen statt, entsprang spontan dem Herzen und nahm oft die Form eines Liedes an.
Franziskanische Spiritualität heute: Volkstümliche Ansprache. Einladung zur persönlichen Umkehr und Erneuerung. Kreative Gestaltung. Hinwendung zu den „Kirchenfernen“. Reflexion des eigenen Lebens(stiles). Neuorientierung auf das Reich Gottes hin. Benennung ungerechter Systeme und „struktureller Sünden“.

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22. SICH SENDEN LASSEN

Die franziskanische Lebensgemeinschaft verstand sich von Anfang an als missionarische „Bruderschaft in Sendung“ [missio(n) = Sendung]. Fior 16: „Denn er hat dich nicht allein erwählt um deiner selbst willen, sondern auch zum Heil anderer.“ Franziskus ging es vor allem um die Übereinstimmung von Verkündigung und Lebensstil. Vorrang vor dem Wort hat das Zeugnis des Lebens. „Der Knecht Gottes muss durch sein heiligmäßiges Leben so sehr zu einer Flamme werden, dass er durch das Licht des guten Beispiels und durch die Sprache, die sein Lebenswandel spricht, alle Gottlosen im Gewissen trifft“ (2 Cel 103). Franziskus wählte wie oben erwähnt das Wanderleben Jesu und seiner Jünger zum Vorbild. Primäres Ziel war für ihn nicht die Predigt (diese Entwicklung vollzog sich erst später im Orden), sondern das Zeugnis eines brüderlichen und evangeliumsgemäßen Lebens unter den Menschen. „Geht, verkündet den Menschen den Frieden und predigt Buße zur Vergebung der Sünden! Seid in der Trübsal geduldig, im Gebet wachsam, bei der Arbeit fleißig, im Reden bescheiden, in euren Sitten ernst und dankbar für Wohltaten, denn zum Lohn für all dies wird euch das ewige Reich bereitet“ (LM III, 7). Dieser Auftrag galt allen Brüdern gleichermaßen, unabhängig davon, ob sie Priester waren oder nicht. Alle Brüder lebten den Auftrag der Sendung des Evangeliums. Franziskus hat diesen Auftrag (als er durch Krankheit in seinem „Durch-die-Welt-ziehen“ eingeschränkt war) auch in brieflicher Form vollzogen (vgl. 2 BrGl 2f.).
Franziskanische Spiritualität heute: Bruderschaft in Sendung. Vorrang des Lebenszeugnisses vor dem Wort. Ständige Selbstevangelisierung.

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23. FRIEDEN STIFTEN

Franziskus versteht sich als Bote des Friedens. „Bei jeder Predigt flehte er, bevor er den Ver-sammelten das Wort Gottes verkündigte, den Frieden herab mit den Worten: ‚Der Herr gebe euch den Frieden!‘ Diesen Frieden verkündete er allezeit mit größter Liebesglut Männern und Frauen, allen Leuten, die ihm auf dem Weg begegneten.“ (1 Cel 23; vgl. auch 2 Cel 37; 2 Cel 108). Wie die Jünger, so sollen auch seine Brüder den Menschen „Friede diesem Haus“ (Lk 10,5) wünschen (vgl. SlgP 101). Grundprinzip ist es, „weder Zank noch Streit an[zu]fangen“ (NbReg 16,6) und „wenn wir sehen oder hören, dass Menschen Böses sagen oder tun oder Gott lästern, dann wollen wir Gutes sagen und Gutes tun und Gott loben“ (NbReg 17,19). In einer Zeit, wo es für bestimmte Stände selbstverständlich war, Waffen zu tragen, erlaubt Franziskus höchstens einen Wanderstab und verdeutlicht so die Friedensbereitschaft seiner Brüder. In seinen Briefen wünscht Franziskus den Empfängern „Heil und Friede“ („salus et pax“). Für Franziskus ist die trinitarische Dimension des Friedens wichtig. Friede ist ein Geschenk des Vaters, des Sohnes und des hl. Geistes. Der „wahre Friede“ kommt von Gott in der Person des Vaters und inkarniert sich im demütigen und Frieden stiftenden „Bruder und Sohn Jesus Christus“. Schließlich ist es der Geist des Herrn, der zum „wahren Frieden des Geistes“ antreibt“ (Horst von der Bey) (vgl. BrGl; BrOrd; Erm 15).
Mit seinem Friedensverständnis stellt sich Franziskus gegen das kirchliche Denken seiner Zeit, das geprägt war vom Aufruf zum Kreuzzug. Ansonsten äußerst kirchentreu, widersetzt sich Franziskus den päpstlichen Anordnungen, die er als nicht evangeliumsgemäß erkennt. Und das, obwohl P. Innozenz III. in seinem Kreuzzugsbrief „Quia maior“ von 1213 geschrieben hatte: „So sollen (sie) wissen, dass jeder, der in dieser Stunde der Not seinem Erlöser den Dienst verweigert, sich schwer verschuldigt und schwer zu beschuldigen ist.“
Das Handeln von Franziskus zielt auf Versöhnung. Es gelingt ihm in verschiedenen Situationen, Frieden zwischen verfeindeten Parteien zu stiften (vgl. Fior 11; Fior 21; 2 Cel 37; 2 Cel 108). Die eindrucksvollste Erzählung diesbezüglich ist die Geschichte vom Wolf von Gubbio. In den Sonnengesang fügt er die Strophe von Frieden und Versöhnung ein (Sonn 11).
Im weltlichen Dritten Orden gab es das Waffenverbot: „Tödliche Waffen dürfen sie gegen niemanden empfangen noch mit sich tragen“ (Memoriale 15,3), so dass sich viele dem damaligen aufgezwungenen Kriegsdienst verweigerten.
Franziskanische Spiritualität heute: Absage an Gewalt jeder Art. Einsatz für Frieden weltweit und vor Ort. Initiativen gegen Rüstungsexport und für Abrüstung. Unterstützung von Kriegsdienstverweigerern und von Friedensinitiativen.

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24. IN DEMUT UND GEDULD MINORITAS ÜBEN

Mit dem Begriff Frieden verknüpft Franziskus häufig die Begriffe „Demut“ und „Geduld“. (vgl. Eph 4,2). Für ihn bilden sie einen untrennbaren Dreiklang, eine unauflösliche Trilogie dieser Tugenden. (vgl. NbReg 17,15). Gott selbst übt in seiner Menschwerdung das Moment der Demut, indem er sich entäußert und erniedrigt, klein wird und gering, ein Mensch unter Menschen (vgl. Punkt 7). Christus hat den Seinen gedient und die Füße gewaschen. In seinen Briefen bezeichnet sich Franziskus in der Nachfolge Jesu als der „Geringste der Diener Gottes“ (BrKust II,1) und „ganz kleiner und verächtlicher Knecht“ (BrLenk 1). Recht verstandene Demut  (lateinisch humilitas = Erdverbundenheit] macht menschlich, human. Ungeduld führt häufig zu Gewalt. Geduld dagegen fördert den Frieden. [Geduld = patientia; schwingt pati = leiden = passio = Leiden mit]. Der Friede hängt sehr eng mit der Dienstbereitschaft zusammen. Die „Minoritas“ ist Kernstück franziskanischer Spiritualität. Seine Brüder nennt er daher „Mindere Brüder“. „Und keiner soll ‚Prior’ genannt werden, sondern alle sollen schlechthin ‚Mindere Brüder’ heißen“ (fratres minores), schreibt er in der Regel von 1221 (NbReg 6,3). Sie sollen allen Menschen untertan sein und ihnen dienen. „Ich rate aber meinen Brüdern, warne und ermahne sie im Herrn Jesus Christus, sie sollen, wenn sie durch die Welt gehen, nicht streiten, noch sich in Wortgezänk einlassen (vgl. 2 Tim 2,14), noch andere richten. Vielmehr sollen sie milde, friedfertig und bescheiden, sanftmütig und demütig sein und anständig reden mit allen, wie es sich gehört“ (BReg 3,10; vgl. NbReg 16).
Franziskanische Spiritualität heute: Grundhaltung des Friedens, der Demut und Geduld. Grundhaltung der Dienstbereitschaft.

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25. MIT LEIDEN IN GELEBTER SOLIDARITÄT UND GEWALTLOSIGKEIT

Franziskus verfügte über die Gabe des Mitleidens (compassio). Durch die Begegnung mit dem Gekreuzigten erwächst bei ihm die Fähigkeit, die Leiden des Anderen gleichsam am eigenen Leib mit zu leiden. Die Biografen von Franziskus berichten, wie er tagelang geweint habe und am Leiden litt, weil die Liebe nicht geliebt wird. „Selig die Friedfertigen, denn sie werden Kinder Gottes genannt werden‘ (Mt 5,9). Der Knecht Gottes kann nicht erkennen, wie große Geduld und Demut er in sich hat, wenn alles nach seinem Wunsch geht. Wenn aber eine Zeit kommt, dass jene, die seinen Wünschen entsprechend handeln mussten, ihm das Gegenteil antun, was er dann an Geduld und Demut hat, das hat er und nicht mehr“, so erläutert er in Ermahnung 13. Und in Ermahnung 15 fährt er fort: „Jene sind wahrhaft Friedensstifter, die in allem, was sie in der Welt erleiden, wegen jener Liebe, mit der unser Herr Jesus Christus liebt, sowohl im Denken und Fühlen (= Seele), als auch im sozialen Verhalten (= Leib) den Frieden bewahren.“  Friede wächst nur durch Gewaltlosigkeit, durch geduldiges Ertragen und demütiges Erleiden. Dies aber nicht im Sinne von Passivität, sondern durch die Aktivierung innerer Kräfte. Mitleid bedeutet gelebte Solidarität.
Franziskanische Spiritualität heute: Grundhaltung der Gewaltlosigkeit und des Mitleidens. Solidarität mit den Leidenden. Glaubwürdig leben durch das eigene gute Beispiel. Bemühen um eine gewaltfreie und geschlechtergerechte Sprache.

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26. ANDERSGLÄUBIGEN IN EHRFURCHT BEGEGNEN

Das Friedensverständnis von Franziskus hat Folgen für den Umgang mit Andersgläubigen. Franziskus war der erste, der in seine Ordensregel ein eigenes Missionskapitel eingefügt hat. Darin heißt es: „Die Brüder aber, die hinausziehen, können in zweifacher Weise unter ihnen geistlich wandeln. Eine Art besteht darin, dass sie weder Zank noch Streit beginnen, sondern ‚um Gottes willen jeder menschlichen Kreatur‘ (1 Petr 2,13) untertan sind und bekennen, dass sie Christen sind“ (NbReg 16,5-7). Dieser Auftrag gilt für die, die „unter die Sarazenen und andere Nichtgläubige gehen“. Im Lateinischen heißt es hier „inter Sarazenos“ bzw. „inter eos“. Hier schimmert das Wort „Interesse“ durch, was meint „inter esse“ = dazwischen sein. Die Brüder sollen also Interesse an den Menschen haben und ihnen zunächst einmal untertan sein als mindere, als dienende Brüder. Erst wenn das Interesse geweckt ist und die Situation geeignet, dürfen sie zur verbalen Verkündigung übergehen. Die Verkündigung durch das Leben und das Beispiel hat Vorrang vor der Verkündigung durch das Wort. Franziskus war von der Ernst-haftigkeit des islamischen Glaubens derart angetan, dass er die Lenker der Völker auffordert, ähnlich der islamischen Praxis das ganze Volk zum Lobpreis Gottes zusammenrufen zu lassen (BrLenk 7; vgl. BrKust I8 und BrKust II6).
Franziskanische Spiritualität heute: Ehrfurcht zeigen vor und Interesse zeigen an anderen Kulturen und Religionen. Die Wahrheit dort entdecken. Den eigenen Glauben befruchten lassen. Umgang mit Respekt und Toleranz. Miteinander das Leben teilen.

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27. DAS CHARISMA DES ANFANGS LEBEN UND NEUAUFBRÜCHE WAGEN

Franziskus hat immer wieder um seine Berufung gerungen (in einer Einsiedelei leben oder durch die Welt ziehen). Er hat erleben müssen, wie aus dem Kreis seiner kleinen Brüderschar ein Orden mit Tausenden von Brüdern wurde und damit auch, wie das Charisma des Anfangs durch regulative Verfestigungen der Institution zu ersticken drohte. Immer wieder neu musste er versuchen, seine Berufung und Art, das Evangelium zu leben, gegen Veränderungen (die in seinen Augen Verwässerungen waren) verteidigen. Manch resignativer Moment war trotz allen Erfolges spürbar. Am Ende seines Lebens sagt er: „Brüder, nun wollen wir endlich anfangen, Gott dem Herrn zu dienen, denn bisher haben wir kaum, sogar wenig - nein, gar keinen Fortschritt gemacht! Er glaubte nicht, es schon ergriffen zu haben, und unermüdlich ausharrend in dem Streben nach neuer Heiligkeit, lebte er in der Hoffnung, immer wieder von vorne anfangen zu können“ (1 Cel 103). „Ich habe das Meine getan. Was ihr zu tun habt, das möge euch Christus lehren“ (2 Cel 214).
Franziskanische Spiritualität heute: Das Charisma des Anfangs leben. Die Spannung zwischen Institution und Charisma aushalten. Ständige Überprüfung bisheriger Wege und Strukturen. Neuorientierung und Veränderung. Flexibel bleiben. Immer wieder neu beginnen. Neue Anfänge wagen.


Br. Stefan Federbusch ofm


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Letzte Aktualisierung: 2007/06/22 19:56