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Gebet und Gerechtigkeit
Zwei spannende Themen aus Spiritualität und Gesellschaft, die sich im Sinne von Mystik und Politik gut ergänzen.
Die Zeitschrift FRANZISKANER widmet ihnen jeweils eine Ausgabe und fragt „Wie kann ich mich ansprechbar machen für Gott?“ (2/2016) und „Was ist gerecht?“ (3/2016).

Auf die Fragen gibt es keine Patenrezepte, sondern Einladungen an die Lesenden, mit Hilfe der Denkanstöße selbst ihre persönliche Antwort zu finden.


Beten: Mich-ansprechbar-Machen für Gott

„Gebete ändern nicht die Welt“ Albert Schweitzer soll das gesagt haben. Angesichts der gesellschaftlichen, sozialen und politischen Herausforderungen bei uns und weltweit „nur“ zu beten, scheint naiv zu sein, ein Zeichen von Hilflosigkeit, wenn nicht gar Flucht in eine heile, fromme Welt. Die wirkliche Welt wird durch aktives Engagement und politischen Einsatz verändert. „Nur wer für die Juden schreit, darf auch gregorianisch singen“ (Dietrich Bonhoeffer). Nun waren große Beter oft auch politisch sehr engagiert, Katharina von Siena etwa oder Nikolaus von der Flüe. Und Menschen, die politisch viel bewegten, haben aus tiefen spirituellen Quellen gelebt, wie Mahatma Gandhi oder Dag Hammarskjöld. Das eingangs zitierte Schweitzer-Zitat geht noch weiter: „Gebete ändern nicht die Welt. Gebete verändern Menschen. Und Menschen verändern die Welt.“

Aber es geht nicht nur um einen irgendwie gearteten Zusammenhang von Kampf und Kontemplation, von Mystik und Politik. Das Gebet selbst kann politisch sein. Der Berliner Dompropst Heinrich Lichtenberg kam unter die Räder des NS-Terrors, weil er 1938 öffentlich für die verfolgten Juden betete. 1989 führte die „Rosenkranz-Revolution“ auf den Philippinen zum Ende des Marcos-Regimes. Und die Friedensgebete in der Leipziger Nikolaikirche standen am Anfang der Montagsdemonstrationen und trugen entscheidend bei zum Fall der Mauer. Man kann mit Gebeten Politik machen. Vor dem Hintergrund des Vietnamkrieges entstand in den 1968er Jahren das „politische Nachtgebet“. Doch wirkliches Gebet kann nicht instrumentalisiert werden. Es ist immer zweckfrei – stilles Hören auf Gott, Freude an seiner Gegenwart, unverzwecktes Lob. Genau dadurch aber ist es für totalitäre Systeme immer gefährlich. Sie haben Angst davor, dass Menschen beten, denn das Gebet schafft einen Raum der Freiheit, der sich totalitären Ansprüchen widersetzt. Und damit ist es politisch. „Von Gott zu reden ist gefährlich“, betitelte die ehemalige kommunistische Jugendführerin und Philosophieprofessorin Tatjana Goritschewa nach ihrer Taufe ihre Erfahrungen im staatlich verordneten Atheismus der Sowjetunion. Mit Gott zu reden auch!

Diese Ausgabe unserer Zeitschrift Franziskaner lädt ein, über das Gebet in seinen vielen Dimensionen nachzudenken. Sie kann auch ein Anstoß sein, es – wieder neu? – zu üben.

Weitere Themen
• „Amoris Laetitia“ – Eine neue Sicht auf Sexualität, Partnerschaft und Familie
• Der franziskanische Wegbegleiter: Leben – ein Weg zwischen Streiten und Versöhnen
• Mit leichterem Gepäck unterwegs sein – Eindrücke vom Provinzkapitel der Deutschen Franziskanerprovinz
• Kunst und Kultur: Risse in der Realität – Sylvia Vandermeer
• Franziskaner werden, Franziskaner sein – Bruder Marcio Lenzen Lisboa
• Was ist eigentlich ein Missionar der Barmherzigkeit? – Ein Gespräch mit Bruder Helmut Schlegel
• Der Sozialstaat braucht die Suppenküche, Ministerin Andrea Nahles zu Besuch in der Suppenküche der Franziskaner in Berlin Pankow



Kostenlos erhältlich in allen Franziskanerklöstern und Häusern, im Direktversand an tausende Bezieher und direkt hier als Flash PDF zum online lesen. http://franziskaner.net/zeitschriften/magazin/ZF-2016-2/index.html


Was ist gerecht?


Die Frage, was gerecht ist und was nicht, stellt sich ständig. Sie verlangt nach Antworten. Leicht zu geben sind sie nicht. Jeder Antwortversuch löst neue Fragen aus. Ist es gerecht, wenn alle das Gleiche bekommen? Natürlich sind alle Menschen vor dem Gesetz gleich. Hoffentlich! Und sie haben die gleiche Würde. Aber ihre Bedürfnisse sind sehr unterschiedlich. „Suum cuique“ hieß es bereits in der Antike. Jedem das Seine, das, was ihm gebührt, was ihm zusteht und was er braucht. Aber wer entscheidet das? Was wird dem Einzelnen wirklich gerecht? Alles über einen Kamm zu scheren, kann sehr ungerecht sein. Zementierte Privilegien und strukturelle Benachteiligungen im harten Verteilungskampf sind es auf jeden Fall. Wer fragt, was gerecht ist, fragt nach der Beziehung von Gemeinschaft und Individuum. Die Begriffe Recht und Gerechtigkeit hängen nicht nur etymologisch zusammen. Das Recht des Stärkeren führt zu keiner gerechten Ordnung. Rechtsverdrehung und Rechtsbeugung sind Kennzeichen totalitärer Systeme, die im Namen einer pervertierten Rechtsauffassung grausamste Ungerechtigkeiten begehen. Aber auch in offenen Gesellschaften gibt es die Spannung zwischen der Suche nach dem, was gerecht ist, und den politischen und wirtschaftlichen Eigeninteressen durchsetzungsstarker Lobbygruppen. Wer fragt, was gerecht ist, fragt nach Recht und Unrecht und nach den Grundlagen eines Rechtssystems.

Die Frage, was gerecht ist, klingt besonders delikat in einem Jahr der Barmherzigkeit. Ist es nicht barmherzig, auch einmal Gnade vor Recht walten zu lassen? Barmherzigkeit ist eine weiche Tugend. Die Kardinaltugend der Gerechtigkeit kennt auch den harten Kampf um die Durchsetzung von Rechten. Barmherzigkeit ist umfassender als Gerechtigkeit. Aber sie darf nicht ungerecht werden. Wer als Glaubender fragt, was gerecht ist, fragt auch, wie es sein kann, dass ein Gott zugleich gerecht und barmherzig ist. Was ist gerecht? Das Leitthema der vorliegenden Ausgabe unserer Zeitschrift Franziskaner ist als Frage formuliert. Manchmal sind gute Fragen wichtiger als schnelle Antworten.

Weitere Themen
• Das Franziskus-Kolleg in Hamburg – Leben in einer offenen internationalen Familie
• Franziskaner sein: Christoph Kreitmeir OFM: Suchen und Finden – Begegnungen verändern mein Leben
• Aktuelles: Türkei – Wie umgehen mit dem „Putsch“ nach dem Putsch?
• Aktuelles: Bedingungsloses Grundeinkommen



Kostenlos erhältlich in allen Franziskanerklöstern und Häusern, im Direktversand an tausende Bezieher und direkt hier als Flash PDF zum online lesen. http://franziskaner.net/zeitschriften/magazin/ZF-2016-3/index.html

Sie können die Zeitschrift auch als Druckausgabe bestellen: Provinzialat, Zeitschrift Franziskaner,
Sankt-Anna-Strasse 19, 80538 München
Tel.: 089 211 26-150, Frau Röckenwagner
eMail: zeitschrift@franziskaner.de


Quelle: www.franziskaner.net

Br. Stefan Federbusch

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Letzte Aktualisierung: 15.03.2017 18:36