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Geschlechtersensibler Umgang in der Kirche
Das diesjährige INFAG-Grundlagen-Seminar für Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung fand vom 31. März bis zum 02. April 2017 in Oberzell im Haus St. Klara statt. Dazu trafen sich 26 franziskanische Ordenschristen und franziskanisch Bewegte, um miteinander zum Thema zu arbeiten: „Mut zur Standhaftigkeit. Antonia Werr – Impulse zu einem geschlechtersensiblen Umgang in der Kirche“.


INFAG Grundlagen-Seminar: Mut zur Standhaftigkeit. Antonia Werr – Impulse zu einem geschlechtersensiblen Umgang in der Kirche

Das diesjährige INFAG-Grundlagen-Seminar für Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung fand vom 31. März bis zum 02. April 2017 in Oberzell im Haus St. Klara statt. Es trafen sich 26 franziskanische Ordenschristen und franziskanisch Bewegte. In einem begegnungsreichen und kreativen Warming up haben sie sich einander vorgestellt. Mit einem Gruppenratespiel stimmte der Moderator Franz-Josef Wagner auf das Thema ein. Die Generaloberin der Oberzeller Franziskanerinnen, Sr. Katharina Ganz, brachte den TeilnehmerInnen kurze Abschnitte aus den Schriften von Antonia Werr zu Gehör, die mit reflektierenden Fragen über die eigenen Lebenserfahrungen in Verbindung gebracht wurden, z.B. darüber, in welcher Situation im eigenen Leben der größte Mut zur Standhaftigkeit aufgebracht wurde, mit welchen drei Begriffen sich meine Rolle als Mann oder Frau in meiner Gemeinschaft beschreiben lässt und welchen Wunsch ich in Bezug auf eine geschlechtersensible Kirche habe.


Gruppenfoto

Am folgenden Tag konnten wir dem Leben der Gründerin der Oberzeller Franziskanerinnen, einer Frau im 19. Jahrhundert, nachspüren und heutige Zugänge zu ihrem Lebenswerk entdecken. Das Leben von Antonia Werr (1813-1868) liegt von Schwester Katharina Ganz in ihrer Doktorarbeit vertieft erforscht vor und legt Perspektiven der Ordensgemeinschaften bis hin zu Gegenwarts- und Zukunftsherausforderungen der katholischen Kirche dar. Dieses Werk ist sehr umfassend, stellt kritische Fragen, deckt Zusammenhänge auf und wagt Perspektiven für die Zukunft.

Als Frau in der katholischen Kirche und mit Gründungsabsichten für eine Ordensgemeinschaft und sozial engagiert für randständige, aus dem Gefängnis entlassene Frauen waren Konflikte für Antonia Werr vorprogrammiert. Für sie war es im 19. Jahrhundert nötig, sich ein Unterstützer-Netzwerk aufzubauen. Antonia Werr kam sich teilweise wie tot vor und schrieb in einem Briefwechsel: „Da ich als Frauenzimmer in der katholischen Kirche keine Stimme habe und folglich so viel wie tot bin …“ Sie verharrte aber nicht in der Resignation, sondern stand auf und überwand Hindernisse und Schwierigkeiten. Sie trat für ihre Überzeugungen ein und erhob ihre Stimme auch gegen kirchliche Würdenträger. Statt sich für Waisenkinder einzusetzen, wie ihr geraten wurde, und wie es damals üblich war, blieb sie standhaft bei ihrem Anliegen, sich für strafentlassene und aus der Gesellschaft ausgeschlossene Frauen zu engagieren. Sie schreibt, dass sie Mut bewies wie eine Löwin, die ihre Jungen verteidigt. Und sie selbst vollzog einen Perspektivwechsel: Sie sah in den Frauen nicht die Schuldigen und Sünderinnen, sondern erkannte sie als Opfer der Umstände.


Mitte mit den Ergebnissen des Kreativworkshops

Frausein damals – Frausein heute – was ist daran heute aufdeckbar, nachvollziehbar, ermutigend? Was können wir aus den Auseinandersetzungen des 19. Jahrhunderts für heute lernen? Was hat Antonia Werr motiviert, in der Kirche zu bleiben und etwas Neues zu wagen?
Sr. Katharina Ganz führte in einem Referat mit markanten Lebenssituationen in das Leben ihrer Ordensgründerin ein. In anschließenden Arbeitsgruppen an ausgesuchten Texten aus den Briefen der Gründerin, fanden wir zu vier bis sechs TeilnehmerInnen jeweils einen näheren Zugang zum Lebenssinn der Gründerin.

Stichworte von damals ins heute sind: Kreativität aus Verwundbarkeit, Menschenwürde als pastorale Herausforderung, Frömmigkeit in ökumenischen Werten, Geistliche Unterscheidung, Mut zum Handeln aus innerem Antrieb, Diakonat der Frau als Schritt zu neuem Miteinander.

Kreativität aus Verwundbarkeit kann in der Haltung der Offenheit gelingen. Es kann hindeuten auf Auftreten ohne Rüstung, den Ausgleich zwischen Kraft und Schwäche spüren lassen. Wer sich einsetzt, setzt sich aus und macht sich verwundbar. Wahrnehmen der Realität des Menschen und der Realität Gottes in der Verwundbarkeit als Kind in der Krippe, als Mensch am Kreuz, mit Thomas, der die Wunden berührt. Aus der Verwundung erwachsene Kreativität nachspüren und gestalten…
Menschenwürde als pastorale Herausforderung durch die Erfahrung, wie tot zu sein und mit Menschen zu arbeiten, die aus der Gesellschaft ausgeschlossen sind. In den ausgeschlossenen Menschen den Funken spüren und deren Würde entdecken. Ihren Funken Gutes entdecken und sie ermutigen. Die Resozialisierung wagen.
Frömmigkeit in ökumenischer Weite meint die Weise, in der wir glauben unabhängig von Kirchenstrukturen und auf der Suche sein, wer Christus für mich ist. Christusnachfolge in und mit Barmherzigkeit. Gott lädt ein zu seinem Mahl – viele fühlen sich nicht von den Kirchen eingeladen.
Geistliche Unterscheidung und Durchspüren von Alternativen, Abschätzen von Kopf und Herz. Die Dynamik meines Handelns erkennen und dessen Folgen wahrnehmen. Gehorsam und Gespräch.
Mut zum Handeln aus innerem Antrieb. Antonia Werr schreibt, dass sie im Gespräch mit Gott gewesen sei und er sie fragte: „Wie du verlangst noch mehr Zeichen? Ich bin mit Dir, nun geh Deinen Weg.“ Das Herz in Kontakt mit Gott fügt Begegnungen, die zu tragenden Beziehungen vor Gott werden. Eigene kreative Zeiten entdecken und deren Impulse umsetzen und gelegentlich verfolgen.
Diakonat der Frau als Schritt zu neuem Miteinander bis hin zum Weiheamt für Frauen in der katholischen Kirche, um das Totsein ohne Stimme zu überwinden.



Was meint geschlechtersensibel? Judith Butler hat in ihren Buch „Gender Trouble“ auf das Unbehagen der Geschlechter verwiesen. In der englischen Sprache wird zwischen „sex“ (biologisch) und „gender“ (sozial) unterschieden. Das Geschlecht ist nicht rein biologisch festgelegt, sondern wird durch soziale und kulturelle Faktoren definiert. Dass nicht mehr nur männlich und weiblich als Geschlecht-Definitionen ausreichen, zeigen Kontakte mit jungen Menschen und Hinweise aus dem Internet, wo auf einer sozialen Plattform 62 verschiedene geschlechtsspezifische Ausdrücke aufgelistet sind. Schwierig wird es immer dann für die eigene Identität, wenn das biologische Geschlecht nicht eindeutig vorgegeben ist oder die eigene Wahrnehmung mit der biologischen Vorgabe bzw. Geschlechtssozialisation nicht übereinstimmt.


Spielerischer "Kampf der Geschlechter"

In unserer Kirche leiden Frauen unter den patriarchalen Strukturen, der einseitig männlichen Sprache und dem Ausschluss vom Weiheamt. Es stellt sich die Frage, welche Schritte im Sinne eines geschlechtersensiblen Umgangs heute für ein Miteinander auf Augenhöhe von Männern und Frauen in der Kirche notwendig sind. Wo sind wir herausgefordert, Mut zur Standhaftigkeit zu beweisen?

Die Europäische Ökumenische Versammlung hat bereits 1989 – also vor fast 30 Jahren – im Schlussdokument formuliert, dass die Umkehr zu Gott eine Verpflichtung bedeutet, Wege zu suchen,
• aus den Trennungen zwischen Männern und Frauen in Kirche und Gesellschaft,
• aus der Abwertung und dem Unverständnis für die unverzichtbaren Beiträge der Frauen,
• aus den fixierten Rollen für Männer und Frauen,
• aus der Weigerung , die den Frauen geschenkten Gaben für das Leben und für Entscheidungsprozesse in der Kirche.
Ziel ist eine erneuerte Gemeinschaft von Männern und Frauen in Kirche und Gesellschaft, in der Frauen auf allen Ebenen einen gleichen Teil der Verantwortung tragen wie Männer, und in der sie ihre Gaben, Einsichten, Werte und Erfahrungen frei einbringen können.

Nach dem eher theoretischen Teil folgten am Samstagnachmittag drei Workshopangebote:
- Eine Exkursion auf den Spuren von Antonia Werr in Würzburg unter der Leitung von Frau Herbert. Die Exkursionsgruppe präsentierte ihre Erkenntnisse anhand von Bildern und einem selbst getexteten Lied, in dem es u.a. hieß: „Antonia Werr setzt sich für die Frauen ein, zu Würzburg soll´s gewesen sein.“


Bericht der Exkursiongruppe nach Würzburg

- Eine Kreativarbeit mit der Künstlerin Doris Nöthen mit den Materialien Getreide und Schafwolle. Die Kreativgruppe berichtete von den Erfahrungen mit zwei sehr unterschiedlichen Materialien und deren jeweiligen Eigenheiten (die Übertragung auf die Unterschiedlichkeit von Frauen und Männern liegt dann nicht ganz so fern) sowie der Arbeit allein bzw. zu zweit im Team.


Doris Nöthen beim Flechten des Getreides

- Ein Gespräch mit Uschi Engert (Business & Professional Women) und Petra Müller-März, der Gleichstellungsbeauftragten der Stadt Würzburg. Beide arbeiten im Netzwerk der AG Würzburger Frauen und berichteten von ihren Erfahrungen. Die Gesprächsgruppe brachte es nachher auf die Punkte: Hören mit dem Herzen – Berühren lassen von Not – Bilden eines Netzwerks.


Gesprächskreis zum Thema Frauennetzwerk in Würzburg

Vorgestellt wurden die Ergebnisse am Sonntagvormittag. Zuvor wurde der Klostergottesdienst mitgestaltet durch eine Verknüpfung des Seminarthemas mit den Impulsen des Hilfswerks Misereor und des diesjährigen Hungertuchs. Es zeigt eine Begegnung auf Augenhöhe und eine gegenseitige Bereicherung unter dem Motto „Ich bin, weil du bist.“ In der Dialogpredigt über das Motiv des Hungertuchs wurden die Gottesdienstbesucher für eine geschlechtersensible Kirche „sensibilisiert“.

Der persönlichen Auswertung dienten die Fragen „Wo und wie will ich in den nächsten vier Wochen Mut zur Standhaftigkeit beweisen? Wo und wie will ich in den nächsten vier Wochen einen geschlechtersensiblen Umgang einüben?“ Aus diesem Grundlagenseminar in Oberzell könnten wichtige Impulse den Alltag verändern und das Gesicht der katholischen Kirche. Möge der Geist Gottes weiteres Wachsen und Reifen hervorlocken und unterstützen.

Sr. Gertrud Smitmans / Br. Stefan Federbusch

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Letzte Aktualisierung: 05.04.2017 17:38