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Mattenkapitel der Minderbrüder
Ein historisches Ereignis begingen und ein historisches Ereignis schufen die Mitglieder des Ersten Ordens vom 12.-14. Juni 2017 im Exerzitienhaus in Hofheim. Die Minderbrüder gedachten der Trennung des Ordens durch Papst Leo X. im Jahr 1517 und sie trafen sich zu einem ersten gemeinsamen „Mattenkapitel“ in Deutschland von Franziskanern, Minoriten und Kapuzinern.

„500 Jahre Reformation“ – ordensmäßig wir kirchlich – waren gleichermaßen Anlass zur kritischen Rückschau wie zur Vorschau auf eine möglicherweise gemeinsame Zukunft.


Mattenkapitel "500 Jahre Reformation"

65 Mitglieder der drei Männerorden von Franziskanern, Minoriten und Kapuzinern trafen sich vom 12.-14. Juni 2017 zu einem ersten gemeinsamen „Mattenkapitel“ im Exerzitienhaus in Hofheim.

Der Begriff „Mattenkapitel“ geht auf die Tradition zurück, dass sich die ersten Brüder des Franziskanerordens jährlich um Pfingsten herum in Assisi trafen. Den Anlass für das heutige historische Ereignis bildete die rechtliche Trennung des Franziskanerordens im Jahr 1517 durch Papst Leo X. in die zwei Ordenszweige von Konventualen und Observanten. Später bildete sich mit den Kapuzinern ein dritter Ordenszweig heraus. Da die Trennung zeitgleich zum Jahr der Reformation geschah, spiegelte das Thema „500 Jahre Reformation“ sowohl die Trennung in Kirche wie im Orden.


Feierliche Eröffnung des Mattenkapitels
[Foto: Kerstin Meinhardt]


Eine feierliche Eröffnungsproklamation von Stefan Federbusch OFM begrüßte die angereisten Brüder Minoriten, Kapuziner und Franziskaner. In einer imaginären Deutschlandkarte stellten sich die Brüder nach ihren Herkunftsorten auf. Dabei ging der Blick über Deutschland hinaus, da auch Brüder aus Genf, Rom, Abu Dhabi und Japan an dem Treffen teilnahmen.


Aufstellung auf der imaginären Deutschlandkarte
[Foto: Kerstin Meinhardt]

Einen ersten inhaltlichen Baustein lieferte Leonhard Lehmann OFMCap mit einem historischen Durchgang von 1517 bis 1897. Dabei lag der Schwerpunkt auf den Hintergründen der päpstlichen Bulle „Ite et vos“, mit der Papst Leo X. die Trennung in Konventualen (heute: Minoriten) und Observanten (heute: Franziskaner) besiegelte. Der Titel seines Vortrags „Ein Orden und viele Reformen – Drei Orden in wachsender Angleichung“ machte deutlich, dass die historischen Unterschiede in der Praxis der drei Männerzweige heute weitgehend nicht mehr bestehen.

Um das „Heute“ ging es auch in der anschließenden Präsentation der drei Provinzen durch die jeweiligen Provinzialminister Cornelius Bohl OFM (Franziskaner), Marinus Parzinger OFMCap (Kapuziner) und Bernhardin Seither OFMConv (Minoriten).

Zu einem vertieften Kennenlernen unter dem Motto „Der jeweilige Stallgeruch“ mischten sich die Brüder in Kleingruppen, die jeweils aus einem Minoriten, zwei Kapuzinern und sechs bis sieben Franziskanern bestanden. Der erste Abend diente mit Speis und Trank vom Kreuzberg (Rhön) dem weiteren „Beschnuppern“.


Br. Markus Heinze, Br. Johannes Schlageter und Bernd Schmies
[Foto: Stefan Federbusch]


Der zweite Tag begann mit der Feier der Eucharistie am Gedenktag des hl. Antonius von Padua, der die drei Provinzialminister vorstanden.

Nach dem historischen Rückblick auf die eigene Geschichte widmeten sich die Teilnehmendem dem zweiten Akzent: „Die Minderbrüder und die Reformation“. Johannes Schlageter OFM brachte in einem (fiktiven) „Brief an Bruder Martin“ (Luther), seine Sympathie, aber ebenso seine kritischen Anfragen an den Reformator zum Ausdruck.

In zwei Statements reagierten darauf aus historischer Sicht Bernd Schmies von der Fachstelle Franziskanische Forschung wie aus internationaler Sicht der Franziskanischen Familie Markus Heinze OFM von Franciscans International. Ein drittes Statement aus der Sicht der Ökumene und einer lutherischen Ordensgemeinschaft musste aufgrund der Erkrankung der vorgesehenen Schwester der Christusbruderschaft Selbitz leider entfallen.


Fishbowl mit (v.l.n.r.) Br. Hermann Schalück OFM (ehemaliger Generalminister), Br. Christophorus Goedereis OFMCap (ehemaliger Provinzialminister), Br. Benedikt Grimm OFM (ehemaliger Provinzialminister) und Br. Martin Lütticke (ehemaliger Noviziatsleiter)
[Foto: Stefan Federbusch]


Vertieft wurden die bis dahin gesetzten Akzente unter dem Motto „Franz und Luther. Eine bleibende Provokation“ in einem Fishbowl mit unterschiedlichen Besetzungen: mit den Referenten, mit Exprovinziälen, mit Ausbildungsverantwortlichen, mit Brüdern anderer Nationalität, mit Brüdern aus den Missionsgebieten…

Der Nachmittag begann mit einem Höhepunkt und Paukenschlag: Der feierlichen Verkündigung der Unionsbulle „Ut unum sint“ von Papst Franziskus III. aus dem Jahr 2030, in der es u.a. heißt: „Nach Jahrhunderten des Aufblühens, der wachsenden Ausbreitung sowie der Teilung des Ordens in verschiedene Ordensfamilien ist nun der heilsgeschichtliche Moment gekommen, in dem zusammengefügt werden soll, was zusammengehört… Da dem so ist, rufen Wir kraft Unserer Apostolischen Autorität und kraft dieses Schreibens alle Obödienzen des Minderbrüderordens… zur Einheit und zu einer völligen und vollendeten Gemeinsamkeit des Lebens auf, so dass der vom heiligen Franziskus gegründete und von ihm so genannte Ordo Fratrum Minorum (OFM) nach allen Spaltungen und Teilungen durch die Jahrhunderte hindurch wieder zu einem einzigen Orden wird.“


Die drei Generalminister des Ersten Ordens während einer Konferenz in Spanien (v.l.n.r.): Br. Michael Perry OFM, Br. Mauro Jöhri OFMCap und Br. Marco Tosca PFMConv

Angesichts der wachsenden Angleichung der drei Orden stellt sich die Frage, ob nicht ein Zusammenschluss in absehbarer Zukunft möglich und sinnvoll erscheint. Eine Vision, die unter dem Titel „Unionsbulle von Papst Franziskus III. Der Erste Orden im Jahr 2030“ in den Ausführungen von Leonhard Lehmann OFMCap Gestalt annahm. Zumindest scheinen die drei Generalminister der Idee nicht ganz abgeneigt, wie sie jüngst bei einem Kongress in Spanien bekundeten.


Getreu dem Vorbild der Generalminister: die Provinzislminister (v.l.n.r.) Br. Marinus Parzinger OFMCap, Br. Bernhardin Seither OFMConv und Br. Cornelius Bohl OFM [Foto: Kerstin Meinhardt]

In einer kreativen Zukunftswerkstatt wurden mögliche Felder einer stärkeren Zusammenarbeit wie Ausbildung, Fortbildung, Medien, Projekte beleuchtet. Eine Arbeitsgruppe untersuchte konkrete Schritte in Richtung eines Zusammenschlusses.


[Foto: Stefan Federbusch]

In Kirchenkabarettistischen Geschichten für (H)Eilige hieß es am Abend in humoriger Weise von Stefan Herok: „Einmal Bruder Franz – Martin Luther – Papst Franziskus und zurück“. In einem „Bonifatiuslied“ gab er den Brüdern mit auf den Weg: „Das, Minderbrüder deutschlandweit, das wär für Euch mein Rat: Verbrüdert euch, denn es ist Zeit, dass ihr gemeinsam fahrt! Macht aufmerksam auf euren Stil zu leben hier und heut! Da braucht es materiell nicht viel, ein Herz nur, das an Gott sich freut! Macht aufmerksam, das braucht die Welt, zeigt wie man einfach lebt. Schön, wenn ihr frommes Beispiel gebt, wie man mit Bodenhaftrung schwebt!“


Stefan Herok in kirchenkabarettistischer Aktion
[Foto: Stefan Federbusch]


Am dritten Tag machten sich die Minderbrüder auf nach Frankfurt, um zunächst die Paulskirche zu besuchen, die auf dem Grund des ehemaligen Franziskanerklosters (Barfüßerkloster) steht und deren Vorgängerkirche über einige Jahrhunderte die evangelische Hauptkirche war.


Die Brüder an historischer Stätte - in der Frankfurter Paulskirche
[Foto: Natanael Ganter]


Mit dem Impuls „Die Barfüßer, die Reformation und die Demokratie“ rief Stefan Federbusch OFM die drei wesentlichen Aspekte des Ortes in Erinnerung. Christophorus Goedereis OFMCap vervollständigte die Historie der franziskanischen Präsenz in der Kaiserkrönungsstadt durch die Ansiedlungsgeschichte der Kapuziner, die in diesem Jahr „100 Jahre Kapuziner an Frankfurt-Liebfrauen“ feiern.


Gruppenbild in der Frankfurter Paulskirche
[Foto: Natanael Ganter]


In ökumenischer Verbundenheit zogen die Brüder zur Katharinenkirche, der jetzigen evangelischen Hauptkirche, um mit dem dortigen evangelischen Stadtpfarrer Olaf Lewerenz sowie dem katholischen Stadtdekan Johannes zu Eltz ein ökumenisches Mittagsgebet zu halten.


In der evangelischen Katharinenkirche
[Foto: Natanael Ganter]


Letzte Station war der Innenhof des Kapuzinerkloster Liebfrauen, wo nach einem Mittagsimbiss das Mattenkapitel mit Segen und Sendung in der Kapuzinerkirche beendet wurde.


Abschluss im Kapuzinerkloster Liebfrauen
[Foto: Stefan Federbusch]


Wie historisch das Treffen war, wird die Zukunft erweisen. In einem Brief an Papst Franziskus ließen die Minderbrüder anklingen, verstärkt miteinander auf dem Weg sein zu wollen. Sie dankten Papst Franziskus für sein Engagement im franziskanischen Geist.


Das Vorbereitungsteam des Mattenkapitels (v.l.n.r.): Br. Stefan Federbusch OFM, Br. Konrad Schlattmann OFMConv und Br. Christophorus Goedereis OFMCap [Foto: Natanael Ganter]

Gestärkt von der brüderlichen Begegnung und inspiriert von vielen guten Ideen gemeinschaftlichen Engagements kehrten die Brüder frohgemut an ihre Heimatorte zurück.

Stefan Federbusch ofm

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Letzte Aktualisierung: 16.06.2017 20:03