zurück zur Übersicht 
Der franziskanische Weg zur Innerlichkeit
Mit diesem Thema befasste sich die diesjährige Tagung der Johannes-Duns-Scotus-Akademie vom 23.-26. Oktober 2018 in Hofheim. Die 29 Teilnehmenden hörten dazu Vorträge zu den Leitfiguren Franziskus und Klara, aber ebenso Bonaventura, Angela von Foligno und Johannes Duns Scotus. Zudem ging es um die Frage, wie die franziskanische Kontemplation ins Heute übersetzt werden kann.


Der franziskanische Weg zur Innerlichkeit

Während der Tagung wurde die Frage nach der Eignung des (deutschen) Begriffs „Innerlichkeit“ gestellt. Wäre er nicht besser durch „Kontemplation“ zu ersetzen? Einem Begriff, der sich in der „contemplatio“ auch im Lateinischen wiederfindet. In den verschiedenen Vorträgen wurde herausgestellt, dass der franziskanische Pilgerweg mit seinen Schritten zur Innerlichkeit keine einseitige Bewegung von außen nach innen ist, sondern zurück vom Innen in das Außen führt. Die Gottesbegegnung führt zur Menschenbegegnung. Wer bei Gott eintaucht, taucht beim Menschen wieder auf. „Mystik“ und „Politik“ gehören zusammen.


Fotonachweis: Sr. Christina Mülling

Die folgenden Ausführungen sind keine direkten Wiedergaben der Referenten, sondern subjektiv wahrgenommene Blitzlichter aus deren Ausführungen.

In einem ersten Akzent zur Einführung verwies P. Dr. Heinz-Meinolf Stamm auf den hl. Augustinus als Vater der Innerlichkeit. Das höchste Werk des Menschen ist das Lob Gottes.

Den Zusammenhang von Mystik und Weltverantwortung zeigte P. Dr. Hermann Schalück am Beispiel des hl. Franziskus (1182-1226) auf. Bei Franziskus finden wir das Ziehen durch die Welt und das Verweilen in der Einsiedelei gleichermaßen. Seine Spiritualität ist durch dieses Wechselspiel immer konkret, nie abstrakt. Durch seine Lebensform in radikaler Armut nimmt er eine sozialkritische Position ein gegen das Ständesystem seiner Zeit. Durch seine Geschwisterlichkeit bot er ein Gegenbild zur damaligen kirchlichen Verfasstheit. Der Geist der Prophetie dürfe als amts- und institutionenkritische Gabe gegen eine ekklesiologische Selbstbezogenheit auch heute nicht fehlen.


Bildnachweis: Sr. Christina Mülling

Unter dem Titel „… jetzt und immer bei Ihm sein“ beschrieb Sr. M. Carola Thomann den Entwicklungsweg bei Klara von Assisi (1194-1253). Sie lebte die Kontemplation in Gebet, Armut und Zärtlichkeit, die sie ihren Mitschwestern und den Menschen, die nach San Damiano kamen, erwies. Sie ist das lebendige Beispiel, dass Gott dort „geschieht“, wo wir lieben. Ein Vorbild an kontemplativer Haltung war ihr Maria. Der Weg Jesu von der Krippe bis zum Kreuz wurde ihr zum Spiegel, um von der „passio“, vom Leiden zur „compassio“, zum Mitleiden und zur Solidarität mit den Menschen zu gelangen. Insbesondere in ihren Briefen an Agnes von Prag lässt sich dieser Weg nachverfolgen.

P. Dr. Paul Zahner brachte das Bild des Baumes ein, wie es von Bonaventura (1221-1274) im „Baum des Lebens“ von 1260 verwendet wird. Als Glaubensbaum und Baum des Reifens mit seinen 48 Blättern zeigt er im Dreischritt von Origo, Passio und Glorificatio die Geheimnisse Jesu und die Vorausbilder Jesu auf. 12 Früchte sind der Ertrag des inneren Gebetes.

Dass die geistliche Verinnerlichung und äußere Itineranz zunächst bei Franziskus und seinen Brüdern untrennbar zusammengehörte, führte P. Dr. Johannes Baptist Freyer in seinem Referat zum Franziskanischen Pilgerweg aus. Im Laufe der Zeit wurden aus den brüderlichen Wanderpredigern und Gelegenheitsarbeitern pastorale Seelsorger. Bei Bonaventura führt diese Entwicklung auch in der Reflexion zu einer Theologisierung des Pilgerwegs. Er beschreibt die Schritte der Innerlichkeit mit der Kenntnis der Schöpfung, der Kenntnis des Glaubens, der Kenntnis Gottes und der Vereinigung mit Gott. Vorgestellt wurden die beiden spirituellen Schriften „Scala divini amoris“ (Treppe zur Liebe Gottes; ein mystischer Weisheitsweg aus der Provence; um 1300), das der sinnlichen Wahrnehmung eine zentrale Stellung für den spirituellen Weg einräumt, und „Alphabet des Betens“ von Francisco de Osuna („Tercer Abecedario Espiritual“, das „Dritte Geistliche Abecedarium“). Insgesamt war auch hier die Frage, ob eine Loslösung der Spiritualität von der konkreten Praxis der Füße (Itineranz) nicht zu einer abgehobenen Spiritualisierung führt. Franziskanisch ist unser Kloster die Welt, nicht der Kreuzgang. Daher kam es in der franziskanischen Historie immer wieder zu Reformversuchen. Ein franziskanischer Auftrag für heute könnte daher die Rückbindung an die Leiblichkeit sein, z.B. in Form des Pilgerns als moderne Form der Itineranz.


Bildnachweis: Sr. Christina Mülling

Eine in Deutschland weitgehend unbekannte Heilige stellte P. Dr. Ludger Thier mit der hl. Angela von Foligno (1248-1309) vor. Sie wurde erst 2013 heiliggesprochen. Sie schildert in ihrem „Memorial“ 30 Stufen auf dem Weg zu Gott.

Um die konkrete Alltagspraxis ging es in den Vorträgen von P. Helmut Schlegel und Sr. Christina Mülling.
P. Helmut Schlegel übersetzte die franziskanische Kontemplation ins Heute. Stichworte dazu sind: Kontemplation des Leibes, die Leere, die Wertschätzung des Wortes, die Annahme des Schattens (Demut), das Kreuz und das Du. Mystik sei dabei kein Verschließen vor der Welt, sondern ein Sich-Aufschließen; nicht nur eine wonnevolle Innerlichkeit, sondern ein solidarisches Mitleiden (compassio). Die Mystik könne das Kreuz nicht außer Acht lassen. Franziskus preist Gott mit einem Du-Gebet. Dies könne ein verständlicherer Zugang für heute sein als über den Personbegriff, der sich im Laufe der Geschichte stark gewandelt hat.

Sr. Christina Mülling beleuchtete die Herausforderungen, die sich durch die Digitalisierung ergeben. Der Mensch braucht die Annahme durch das Angeblicktwerden durch den Anderen. Was passiert, wenn dies in der virtuellen Welt verloren geht und ein tieferes Erkennen zugunsten oberflächlicher Hyperinformationen aufgegeben wird? Was geschieht, wenn die sozialen Netzwerke zu Schaufenstern der ICH-AG werden, in denen sich die massive soziale Angst vor ausgegrenzt werden offenbart? Wie kann es gelingen, den kontemplativen Blick wiederzugewinnen, Freiräume des Schweigens und der Einsamkeit zu erschließen? Es geht nicht um eine Verteufelung der neuen Medienwelt, sondern einen angemessenen Umgang, der zu Genuss und nicht zu Abhängigkeit führt.

Der Namensgeber der Akademie dürfte natürlich nicht fehlen und so bildete „Die Feindesliebe nach Johannes Duns Scotus“ (1266-1308) den Abschluss der Vortragsreihe. Dr. Axel Schmitt rundete mit seinen Darlegungen eine Tagung ab, die für die eigene Spiritualität viele kostbare Impulse aus der franziskanisch-klarianischen Tradition bot und Anknüpfungspunkte für heute aufzeigte.

Die nächste Tagung der Johannes-Duns-Scotus-Akademie findet im Oktober 2020 statt.

Br. Stefan Federbusch

  zurück zur Übersicht    Seitenbeginn  

Datenschutzerklärung   Letzte Aktualisierung: 28.10.2018 15:57