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Grundlagenseminar 2018 zu Big Data
Das diesjährige INFAG-Grundlagenseminar für GFBS stand unter dem Thema „Bis auf den Grund durchschaust du mich – Big Data und die Persönlichkeitsrechte des Menschen“.

25 Teilnehmende trafen sich dazu vom 16.-18. März 2018 im Exerzitienhaus in Hofheim, um über Chancen und Gefahren von Big Data für unsere demokratische Gesellschaft zu diskutieren.


Grundlagenseminar 2018

„Bis auf den Grund durchschaust du mich.“

Der biblisch bewanderte Mensch erkennt im Titelthema schnell den Verweis auf den Psalm 139, dem dieser Vers entnommen ist. Er bezieht sich auf Gott, der den Menschen ganz und gar erkennt und mit seinem Wesen und seiner Persönlichkeit vertraut ist. Diese Fähigkeit des „Durchschauens“ wird von uns Menschen ambivalent wahrgenommen. Selbst wenn es sich um Gott handelt, hängt es von meinem persönlichen Gottesbild und von meinen Erfahrungen ab, ob ich dies positiv oder negativ wahrnehme. Die Vorstellung vom „Gläsernen Menschen“, von dem alles bekannt ist und von dem es keine Geheimnisse mehr gibt, löst eher Befremden aus.

Persönliche Sensibilisierung



Der theologische Zugang war einer der Ansatzpunkte, mit denen sich die Teilnehmenden des diesjährigen Grundlagenseminars beschäftigten. Zunächst einmal galt es, uns selbst für die Problematik zu sensibilisieren, wie wir mit den sozialen Kommunikationsmitteln umgehen und was mit all den Daten geschieht, die wir über das Internet, über Facebook, WhatsApp, Google & Co produzieren und hinterlassen, geschieht.



Br. Natanael Ganter ofm begann seine Einführung mit dem Lied „Exit“ von Jean-Michael Jarre, in das dieser ein Interview von Edward Snowden eingefügt hat, in dem es heißt: „If you don´t stand up, then who will?“ – „Wenn du nicht dafür aufstehst, wer dann?“. Br. Natanael zeigte auf, wie ich beispielsweise mit einem Google-Konto all meine digitalen Spuren nachverfolgen kann inklusive der Dokumentation all meiner Standorte in den letzten Wochen. Daraus lassen sich problemlos Persönlichkeitsprofile erstellen. Über Facebook reichen rund hundert Like-Clicks, dass ein Algorithmus meine Vorlieben besser einschätzen kann als mein Freundeskreis bzw. ein Ehepartner. Dass es nicht nur um persönliche Daten geht, zeigt die Diskussion um die Fitness-App „Strava“. Deren Aufzeichnungen offenbaren beispielsweise (geheime) Militärstützpunkte und gefährden somit die strategische Sicherheit.

Selbstbestimmung im Social-Web?

Die Referentin Susanna Wolf (Friedrich-Alexander-Universität Erlangen) vertiefte dies auf in ihrem Vortrag „Von Online-Monopolisten und Daten-Klonen: Inwieweit lässt sich Partizipation im Social Web selbstbestimmt gestalten?“ Bezugnehmend auf ein Wort von Marc Zuckerberg „Das Zeitalter der Privatsphäre ist vorbei“ , zeigte sie in einem historischen Durchgang auf, was „Privatheit“ und politische Partizipation in der Antike und im Bürgertum bedeuteten. Unter Rückgriff auf den Liberalismus definierte sie Privatheit als selbstbestimmte Sphäre der Freiheit, als autonome Gestaltung, die es erlaubt, die individuellen Wertentscheidungen (weiter) zu entwickeln. Dies ist bedeutsam, da eine funktionierende Demokratie auf einen selbstbestimmten Bürger angewiesen ist. Auch in der digitalen Welt muss die Menschenwürde mit den Aspekten von Freiheit, Gleichheit, Verantwortung und solidarischer Partizipation gewährleistet sein.

Es stellt sich die Frage: „Welche Kontrolle habe ich über meine eigenen Daten im Web 4.0? Dies angeschärft dadurch, dass die Onlinemonopolisten massenhaft Daten ohne Zweckbindung speichern und damit Handel treiben. Über Tracking, Social Content (Inhalte) und Mobile Navigation hinterlasse ich meinen Digitalen Fingerabdruck, dessen Auswertung mir als konkreter Nutzen „verkauft“ wird. Nach meinen persönlichen Vorlieben werden mir Einkaufsmöglichkeiten angeboten, Aktivitätsmöglichkeiten meiner Hobbies usw. Kritisch zu sehen ist die Selektion von Möglichkeiten, insbesondere, wenn es sich um Informationen im gesellschaftlichen und politischen Bereich handelt (Stichwort: Filter-Blase). Auch ist zu bewerten, wie sich die Kenntnis von Daten auf wichtige Lebensbereiche wie Finanzen (Stichwort: Bonität) oder Gesundheit (Kategorisierung / Krankenkassenbeiträge) auswirkt.

Im Zusammenhang der Volkszählung 1983 wurde das Recht auf Informelle Selbstbestimmung gestärkt. Dieses Recht wird durch algorithmische Auswertungen zunehmend unterhöhlt. Die Frage bleibt, ob es durch die Nutzung der Sozialen Netzwerke zu einer „Totalpolitisierung ohne politischen Diskus“ (Heesers 2015) kommt, weil häufig der Diskussionszusammenhang fehlt.

In drei Arbeitsgruppen wurden verschiedene Aspekte vertieft, beispielsweise bei welchen digitalen Aktivitäten wir abstrakte Risiken für einen konkreten Nutzen akzeptieren (Stichwortsuche über Suchmaschinen, Einkauf im Internet, Reiseplanung per Maps usw.).

Vorgestellt wurde dann die „Charta der Digitalen Grundrechte der Europäischen Union“ [https://digitalcharta.eu/], die die allgemeinen Grundrechte (Menschenrechte) in Bezug auf „Big Data“ konkretisieren und ergänzen soll. Auch hier wurde in drei Kleingruppen über verschiedene Artikel der Charta diskutiert, beispielsweise, ob es ein Recht auf Vergessen geben und wie es in der Praxis durchgesetzt werden kann.

Die Fortführung der Auseinandersetzung mit der Charta war eine der vier Gruppenangebote für den Nachmittag. Die drei anderen Möglichkeiten betrafen eine Passantenbefragung zum Thema, die theologische Auseinandersetzung sowie die Recherche, was das „Netz“ über mich preisgibt.



Die Vorstellung der Gruppenergebnisse erwies sich als sehr kreativ und kurzweilig. Eine Passantenbefragung entfiel aufgrund der Wetterlage und des Wintereinbruchs. Die theologische Auseinandersetzung beschäftigte sich – wie eingangs erwähnt – mit dem Psalm 139 und dem Gottes- und Menschenbild. Diskutiert wurden die Entwicklungen, wie sie sich mit der „Künstlichen Intelligenz“ ergeben und den Zukunftsvisionen, wie sie beispielweise im Buch „Homo Deus“ geschildert werden. Als kleines Präsentationextrakt erfolgte eine Umschreibung des Psalms 139 auf „Big Data“.

Die Arbeitsgruppe der persönlichen Netzspuren brachte ihre Erkenntnisse in Form einer Arztpraxis von „Dr. Twitter“, der verschiedenste „Big Data – Erkrankungen“ wie „Googleritis“, „WhatsAppening“, „Faceritis“ und „Mapsmose“ zu heilen hatte.



Die Quintessenz der Arbeitsgruppe zur „Charta der Digitalen Grundrechte“ lautete: „Wer soll sich dafür einsetzen, wenn nicht wir?!“

Alternatives Handeln

In einer Einheit am Abend hatte Br. Natanael Ganter ofm einige Alternativen aufgezeigt, die sich als „Browser“, „Suchmaschinen“ sowie „Soziale Netzwerke“ nutzen lassen.

Diese Anregungen konnten eine der drei Reflexionsfragen zum Abschluss des Seminars beantworten, nämlich was ich in meinem digitalen Dasein verändern möchte. Sie können auch hilfreich sein für den Punkt, was ich in meine Gemeinschaften, meine Familie, meine Lebens- und Arbeitsumfeld weitergeben kann.

Spielerisch und kreativ angereichert wurde das Grundlagenseminar durch die Methoden von Franz-Josef Wagner, der in bewährter Weise die Moderation übernommen hatte.



Heute schon die Welt fairändert?

Die abschließende Eucharistiefeier zum 5. Fastensonntag weitete den WorldWideWeb-Blick auf die Schwestern und Brüder weltweit. Das katholische Hilfswerk Misereor hat seine diesjährige Fastenaktion unter das Thema gestellt: „Heute schon die Welt verändert?“



Zu dieser Frage beschrifteten die Teilnehmenden einzelne Puzzleteile, die sie dann zu Einer Welt verbanden. Die einzelnen Aktionsideen laden ein, aktiv zu werden und mit einem konkreten Schritt die Welt zu verändern, die (abstrakt)digitale wie die konkret-reale Lebenswirklichkeit gleichermaßen.

Br. Stefan Federbusch

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Letzte Aktualisierung: 21.03.2018 20:03