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Monopoly als Spiegelbild unserer Wirtschafts(un)ordnung
„Das Spiel ist unterhaltend und anregend... Am Ende gewinnt der reichste Spieler.“ – „Wenn ein Spieler auf ein verkauftes Grundstück kommt, zieht der Eigentümer Miete von ihm ein.“ – „Es ist von Vorteil, die Besitzrechtskarten für alle Grundstücke einer Farbengruppe zu haben, weil der Besitzer dann die doppelte Miete verlangen kann.“ – Die Bank verleiht Geld nur gegen Hypotheken-Sicherheit. Die Spieler dürfen Geld oder Besitz nicht voneinander borgen.“ Und das Beste: „Die Bank geht niemals Bankrott.“


So lauten einige der Spielregeln von „Monopoly“. Wenn die Situation nicht so ernst wäre, würden wir darüber lächeln. Erschreckend realistisch und doch von der Realität noch übertroffen. Etliche Banken (insbesondere in den USA) sind bankrott gegangen. Was mit der Pleite der Lehmans Brother vor gut einem Jahr begann, war alles andere als ein Spiel. Die verbrannten Milliarden (nach Schätzungen des Internationalen Währungsfonds bereits zu Beginn der Krise über 500 Milliarden Euro) stehen für die konkrete Wirtschaft, für Arbeitsplätze und Löhne, für das Erarbeitete und Ersparte von Familien, für den Erwerb von Grundnahrungsmitteln. Die Zeche zahlen nicht Banker und Börsenspekulanten, sondern wir Bürger und alle Nachkommen, deren Lebensqualität über Jahre durch zusätzliche Staatsschulden beeinträchtigt ist. Statt der geplanten 6 Milliarden muss der Staat 100 Milliarden Euro neue Schulden machen. Monopoly ist das Spiegelbild unserer Wirtschafts(un)ordnung, eines Systems, dass durch den unmoralischen Umgang mit Kapital ganze Länder in den Abgrund reißt.

Am vergangenen Sonntag (27. September 2009) haben wir bei der Bundestagswahl die Politiker für die nächste Legislaturperiode beauftragt. Keiner wird sich die Entscheidung der Wahl leicht gemacht haben. Als Christen orientieren wir uns in unseren Wertentscheidungen am Evangelium. Jesus hat sein Programm der neuen Welt Gottes gleich zu Beginn seines öffentlichen Wirkens verkündet: „Die Zeit ist erfüllt, das Reich Gottes ist nahe. Kehrt um und glaubt an das Evangelium“ (Mk 1,14-15). Denn: „Der Geist des Herrn ruht auf mir; denn der Herr hat mich gesalbt. Er hat mich gesandt, damit ich den Armen eine gute Nachricht bringe; damit ich den Gefangenen die Entlassung verkünde und den Blinden das Augenlicht; damit ich die Zerschlagenen in Freiheit setze und ein Gnadenjahr des Herrn ausrufe...“ Dann begann Jesus, ihnen darzulegen: Heute hat sich das Schriftwort, das ihr eben gehört habt, erfüllt (vgl. Lk 4,18-19). Als eine seiner Kernbotschaften gilt die Bergpredigt. Nicht erst seit dem Buch von Franz Alt ist immer wieder darüber diskutiert worden, ob sie als Grundlage der Politik dienen kann. Zumindest ist sie ein Orientierungsmaßstab.

Die Lesung aus dem Jakobusbrief vom 25. Sonntag im Jahreskreis (Wahlsonntag) passt genau zur derzeitigen Finanz- und Wirtschaftskrise. Jakobus warnt vor der Gier nach Reichtum und dem gemästeten Herz, das keinen Platz für menschliche Werte mehr hat und erst recht nicht für Gott.

Bedenkenswert scheinen mir in diesem Zusammenhang die Sieben sozialen Sünden, die Mahatma Gandhi beschreibt: Politik ohne Prinzipien – Wohlstand ohne Arbeit – Genuss ohne Gewissen – Wissen ohne Charakter – Geschäfte ohne Moral – Wissenschaft ohne Menschlichkeit – Verehrung ohne Hingabe.
Politik ist die Sorge um das Gemeinwesen. Politik ist somit Aufgabe aller, nicht nur der gewählten und für die nächste Legislaturperiode beauftragten Politiker. Zwar tragen sie die besondere Verantwortung für unsere Gesellschaft und unseren Staat. Es bleibt aber unser aller Auftrag als Bürger und als Christen, das „ohne“ durch ein „mit“ zu ersetzen, die Sieben sozialen Sünden in Sieben soziale Verpflichtungen umzuwandeln:
Politik mit Prinzipien – Wohlstand mit Arbeit – Genuss mit Gewissen – Wissen mit Charakter – Geschäfte mit Moral – Wissenschaft mit Menschlichkeit – Verehrung mit Hingabe.

Andreas Günther hat unseren Auftrag in das schöne Bild gebracht: Wir brauchen „keine Thermoskannen-Kirche, die nach innen schön warm hält und nach außen abschließt und ausgrenzt, sondern eine Sauerteig-Kirche, die die Welt durchdringt und von der man nicht genau sagen kann, wo sie schon wirkt und wo noch nicht. Wir müssen keine Grenzen aufbauen, um uns vor der Welt zu schützen, sondern sollen Grenzen abbauen, um in die Welt hineinzuwirken und Jesu Wort an den verschiedensten Orten lebendig werden zu lassen, gerade auch außerhalb der eng umschriebenen Grenzen der kirchlichen Binnenwirklichkeit. Nicht Thermoskanne, sondern Sauerteig!“.
[PuK 5/2009, S. 713]



Den Begriff „Kirche“ können wir für uns als Mitglieder der Franziskanischen Familie durch „Orden“ ersetzen. Franziskus wusste sich, sein Leben und alles, was es ausmachte, verdankt von Gott. Ihm erstattete er alles Gute zurück. Durch seinen radikal einfachen Lebensstil bildete er mit seinen Brüdern (und Schwestern) ein Kontrastmodell zur Gesellschaft der wohlhabenden Stände, auch innerhalb der Kirche. An die Stelle des „gemästeten“ Herzens setzte er das „versöhnte“ Herz, das in einem einfachen Lebensstil offen war für Gott und die Menschen, sensibel für alles Geschaffene und für alle Geschöpfe.

Erntedank ist für uns die Herausforderung, nicht Thermoskannen-Orden zu sein, sondern ökologische Sauerteig-Gemeinschaften, die in die Welt hineinwirken; die durch ihren Lebensstil verdeutlichen, dass Weniger Mehr sein kann, dass eine gerechtere Welt für alle im Sinne der Nachhaltigkeit nur durch einen schöpfungsgemäßen Lebensstil zu schaffen und zu erhalten ist.

Br. Stefan Federbusch

Bildnachweis: Erntedankaltar in der Minoritenkirche Würzburg; Eurozeichen vor der Europäischen Zentralbank in Frankfurt:
Br. Stefan Federbusch



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Datenschutzerklärung   Letzte Aktualisierung: 15.03.2017 18:33