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Kloster auf ehemaligem KZ-Gelände Esterwegen
Ganz in der Nähe von Esterwegen liegt direkt am Küstenkanal die Gedenkstätte Esterwegen. Von 1933 bis 1938 wurden im Emsland 15 Lager errichtet, die so genannten Emslandlager. Die Nationalsozialisten sperrten viele ihrer politischen Gegner, aber auch Angehörige ungewünschter Religionen hier ein. Es waren Kommunisten, Sozialdemokraten, Mitglieder von Gewerkschaften, Intellektuelle und Juden. Esterwegen war Emslandlager VII. Seit Ende Oktober 2006 sind die Mauritzer Franziskanerinnen auf dem Gelände des ehemaligen KZ Esterwegen mit einer kleinen Gemeinschaft von vier Schwestern präsent.


Die Ordensfrauen stehen Besuchern des früheren Konzentrationslagers als Gesprächspartnerinnen zur Verfügung. Die Schwestern bewohnen ein nach dem Krieg von der Bundeswehr benutztes Gebäude. Der Landkreis Emsland hat Anfang Mai 2006 auf dem sieben Hektar großen Gelände eine Gedenkstätte eröffnet. Die Kirche wolle mit der Gebetsstätte einen Beitrag gegen Gleichgültigkeit und Vergessen leisten, so Osnabrücks Generalvikar Theo Paul.
[Foto: Bönte, Bistum Münster]

Das KZ Esterwegen wurde im Sommer 1933 als eines der ersten Konzentrationslager in Deutschland eingerichtet. Zunächst wurden hier NS-Gegner inhaftiert, darunter der Publizist und spätere Nobelpreisträger Carl von Ossietzky (1889-1938), der SPD-Politiker und später als NS-Widerstandskämpfer hingerichtete Julius Leber (1891-1945) sowie der Kabarettist Werner Finck (1902-1978). Ab 1937 wurden in Esterwegen Strafgefangene festgehalten.
Das Gelände war eines der 15 so genannten Emslandlager oder Moorlager, in denen rund 30.000 Menschen starben. Im KZ Börgermoor bei Papenburg entstand das berühmte Häftlingslied „Wir sind die Moorsoldaten“.


Auf den Steintafeln der Gedenkstätte in Esterwegen sind alle 15 Emslandlager aufgeführt.


Esterwegen: Erinnerung braucht Orte
Ein neues Kloster auf dem ehemaligen KZ-Gelände

Theo Paul / Osnabrück

Vor 64 Jahren wurde das Konzentrationslager Esterwegen im Emsland befreit, eines der 15 Emslandlager, die "Hölle am Waldesrand". Fast 30.000 Menschen starben in diesen Lagern, mehrheitlich Kriegsgefangene. In Abstimmung mit dem Landkreis Emsland konnte jetzt auf dem KZ-Gelände in einem ehemaligen Verwaltungsgebäude der Bundeswehr ein Franziskanerinnenkloster durch den Osnabrücker Bischof Franz-Josef Bode eingeweiht werden. Auf dem Gelände des Lagers selbst soll durch den Landkreis Emsland in Zusammenarbeit mit dem Dokumentations- und Informationszentrum Emslandlager (DIZ), Papenburg, in den kommenden Jahren eine Gedenkstätte entstehen.1

"Heiliger Boden"

In den zurückliegenden Jahrzehnten hat es vielfältige Initiativen und Projekte (z.B. Jugendcamps) gegeben, um die Spuren des Geschehens während des Nationalsozialismus aufzuarbeiten. Das neue Kloster der Franziskanerinnen2 versteht sich in seiner bescheidenen und absichtslosen stellvertretenden Präsenz als ein Beitrag gegen Gleichgültigkeit und Vergessen an diesem Ort des Grauens. Es versteht sich nicht als Ersatz für die Gedenkstätte. Ganz bewusst bleiben die Franziskanerinnen in der zweiten Reihe. Das Bistum Osnabrück setzt mit diesem Kloster ein Zeichen, die Auseinandersetzung mit dem Naziterror als bleibenden Auftrag und Verpflichtung zu sehen. Die vier Mauritzer Franziskanerinnen haben sich auf Anfrage des Bistums und der Ordensleitung für diese Aufgabe gemeldet. Neben diesem Dienst ist eine Schwester als Sozialarbeiterin, eine andere als Küsterin in der Pfarrgemeinde Esterwegen tätig. Eine Schwester wurde 1939 in den Niederlanden geboren. Ihr Vater war in der friesischen Heimat im Widerstand gegen die Nazis engagiert. Ein Onkel wurde von Deutschen erschossen. Als sie ihrem Bruder mitteilte, dass sie sich für das Kloster am ehemaligen Konzentrationslager Esterwegen melden wolle, meinte er: "Dann kommst du wohl auf heiligen Boden." In der Tat: Auf diesem Boden wurden Menschen grausam gefoltert und getötet; zugleich sind sie aber auch Zeugen für mutiges und gewissenhaftes Handeln. Sie sind ihrer Überzeugung treu geblieben. Die Schwestern bieten den Menschen Gastfreundschaft. Sie möchten an diesem Ort aus ihrer franziskanischen Tradition zur Versöhnung beitragen durch den stellvertretenden Dienst des Gebets, des Gesprächs, des Daseins. Darin kann ein unverwechselbarer Beitrag von Christen zur Erinnerungsarbeit unseres Landes bestehen, der zugleich verdeutlicht, dass wir auch vor dem Leid von heute nicht die Augen verschließen. Es geht nicht um ein Ritualisieren des Gedenkens. Das "Lauschen" auf die Schreie in unserer Welt "nicht verlernen",3 ist für unsere Zukunft überlebensnotwendig. Wenn wir heute den Schreien der Opfer lauschen, dann ist unser Gedenken nicht ritualisierte Pflichterfüllung.4

Das Lied der Moorsoldaten

Für die Einwohner eines Dorfes oder einer Stadt ist es nicht leicht, wenn der Name ihrer Heimat mit einem KZ in Verbindung gebracht wird. "Was können wir dafür?" fragt die nachwachsende Generation. "Ist unser Dorf denn für immer davon gezeichnet?" Der jüdische Schriftsteller Elie Wiesel stellt im Blick auf Auschwitz fest: "Gestern hieß es: Auschwitz? Nie gehört. Heute heißt es: Auschwitz? Ach ja, ich weiß schon."5 - Damit wir uns an die Geschichte der KZs im Emsland nicht gewöhnen, darum gibt es dieses Kloster in Esterwegen. Es ist ein "selbstloser Ort" für manches "ortlose Selbst" (Jürgen Werbick) in unserer Zeit. Wer das Kloster besucht, steht zunächst vor einem Klosterareal mit einer "grünen Mauer". Der Bremer Architekt Ulrich Tilgner hat sie nach historischen Vorbildern als Zusammenspiel von Bäumen und Hecken konzipiert. Auch an diesem Ort soll die "alte Klosterfreiheit" ihre Bedeutung behalten. Zugleich wird ein neuer Deutungshorizont ermöglicht: Die Mauer ist nicht Abgrenzung, sondern Einladung, nach "innen" zu gehen. Ein Torbogen öffnet das Kloster. Im teilweise überdachten Vorhof mag jeder selbst entscheiden, wohin er gehen will. Dieser Ort vereinnahmt nicht. Auf weltanschauliche und religiöse Überzeugungen wird Rücksicht genommen. Am Ende des Klostervorhofes finden Besucher eine Tür, die tagsüber offen steht. Der dahinter liegende Raum gehört, wie Bernhard Leisenheimer OSC es ausdrückt, zu einem "Dreiklang" von Räumen. Sie unterscheiden sich und hängen doch jeder mit jedem zusammen. Im Eingang ist der Gedenkraum. Drei Betonblöcke stehen dort frei in einer Nische. Sie sind eingebettet in heimischen Torf und erinnern an die Gefangenen und deren Schicksal auf diesem Boden. Sie sind Zeichen für Standhaftigkeit und Gewissensüberzeugung. Auf den Blöcken können Kerzen entzündet werden. An die Wand dahinter ist das "Lied der Moorsoldaten" geschrieben, jenes Lied, das die Gefangenen selbst dichteten und in Melodie setzten.6 Es will als Testament gelesen werden, beschreibt aber zugleich auch die unverbrüchliche Hoffnung, die sich die Moorsoldaten nicht nehmen ließen.

Wohin auch das Auge blicket,
Moor und Heide nur ringsum.
Vogelsang uns nicht erquicket,
Eichen stehen kahl und krumm.
Wir sind die Moorsoldaten
und ziehen mit dem Spaten ins Moor.
Hier in dieser öden Heide
ist das Lager aufgebaut,
wo wir fern von jeder Freude
hinter Stacheldraht verstaut.
Ref.
Morgens ziehen die Kolonnen
in das Moor zur Arbeit hin.
Graben bei dem Brand der Sonne,
doch zur Heimat steht der Sinn.
Ref.
Heimwärts, heimwärts jeder sehnet,
zu den Eltern, Weib und Kind.
Manche Brust ein Seufzer dehnet,
weil wir hier gefangen sind.
Ref.
Auf und nieder gehn die Posten,
keiner, keiner kann hindurch.
Flucht wird nur das Leben kosten,
Vierfach ist umzäunt die Burg.
Ref.
Doch für uns gibt es kein Klagen,
ewig kann's nicht Winter sein.
Einmal werden froh wir sagen:
Heimat, du bist wieder mein.
Dann ziehn die Moorsoldaten
nicht mehr mit dem Spaten ins Moor!

"Und siehe: wir leben"

Vom Gedenkraum kann man über eine leicht nach unten führende Rampe in den "Raum der Sprachlosigkeit" gelangen. Diffuses Licht fallt durch Wände aus Metallmaschen. Es geht um ein Nachspüren der Gefangenschaft der Vielen - ohne Reden oder Erklären. Mitten im Raum ein Kreuz aus alten Moorbahnschienen, geschaffen vom Bildhauer Klaus Simon. Es sind die Schienen, auf denen einst der von Häftlingen unter unmenschlichen Bedingungen gestochene Torf zur Sammelstelle transportiert wurde. Dieser Mittelpunkt ist von Sitzbänken aus Eichen umgeben. Eine zweite Rampe führt aus dem Raum heraus, hinauf in die Kapelle. Der ebenfalls von Klaus Simon gestaltete Altar hat die Form einer hölzernen Torflore. Wie frühchristliche Altäre auf den Gräbern der Märtyrer errichtet wurden, so soll dieser Altar an das Marterwerkzeug der Moorsolda-ten erinnern. Das Holz stammt von geknickten, abgestorbenen Bäumen des Odenwaldes. "Umgeknickt und abgestorben" - Sinnbild für den Umgang mit Menschen im KZ. An der Stirnseite des Lorenaltares sind die Jahresringe des mächtigen 450 Jahre alten Stammes zu sehen. Sie wirken wie ein Sonnenkreis. Hinter dem Altar ein Fenster des Thüringer Glasmalers Günther Grohs: Wer kann noch "durchblicken" an diesem Ort? Den "Durchblick" gibt es nicht, dafür aber einen "Ausblick". Ein schmaler Durchbruch der Außenwand gibt ihn frei - den Blick auf den Tabernakel. "Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?" Jesu Schrei am Kreuz, der in Psalm 22 die Leidensgeschichte Israels zusammenfasst, ist auch hier zu hören. Der Schrei des Gekreuzigten gehört zur Auferstehung, zur Substanz des Christentums. An der Seitenwand hängt ein großes, von einem Granateneinschlag gezeichnetes Kreuz. Die eine Seite des Querbalkens ist kurz; auf der anderen Seite hat der Baum kräftige Jahresringe aufgebaut. Förster nennen das "Reaktionsholz". - Reaktionen auf Not und Gewalt in der Welt. Nicht jeder, der im KZ Esterwegen inhaftiert war oder heute diesen Ort besucht, wird den christlichen Glauben geteilt haben oder teilen. Der Glaube kann und darf niemandem aufgezwungen werden, ebenso wenig wie er von gläubigen Menschen verschwiegen werden darf. Als heilenden Dienst möchten die Franziskanerinnen ihr Leben im Kloster Esterwegen verstanden wissen.

Andreas Knapp, Priester und Schriftsteller, "Kleiner Bruder" in Leipzig, hat folgendes Gedicht für Esterwegen geschrieben:

wir sind wie Sterbende

sie schicken uns ins Moor
denn sie fiebern vor Angst
im Sumpf ihrer Lügen
wir jedoch
auf schwankendem Boden
gehalten von oben

sie nötigen uns zum Torfstechen
um ihre Kassen zu düngen
für den verschlingenden Krieg
wir jedoch
Tränen und Schweiß
als Same des Friedens

sie sperren uns in Zwinger
uns zu erniedrigen zu bloßen Arbeitstieren
wir jedoch
mit schwieliger Haut
immer noch Menschen

sie haken uns ab
und treiben uns
in die schwarzen Gräber
wir jedoch
den Moorleichen nahe

und siehe: wir leben

1. Vgl. www.gedenkstaette-esterwegen.de
2. Kloster Esterwegen, Konvent der Mauritzer Franziskanerinnen, Hinterm Busch 1, D-26897 Esterwegen ; Tel. +49 (0)5955 935700; e-Mail: Kloster.esterwegen@gmx.de; www.franziskanerinnen-muenster.de.
3. Vgl. N. Sachs, Lange haben wir das Lauschen verlernt, in: Dies., In den Wohnungen des Todes. Berlin 1947, 24.
4. Vgl. S. Friedländer, Dankesrede aus Anlass der Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels 2007. Frankfurt 2007, 68.
5. Zit. N. R. McAfee Brown, Elie Wiesel. Zeuge für die Menschheit. Freiburg 1990, 14.
6. Text: Johann Esser, Wolfgang Langhoff (1933); Musik: Rudi Goguel (1933).


Quelle: Der Artikel ist entnommen aus: Geist und Leben, Heft 2, März/April 2009, S. 144-148

Bildnachweis: www.levrai.de/themen/ostfriesland



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