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Vom Lernen des Lebens
«Die Vergangenheit und die Gegenwart sind unsere Mittel, die Zukunft allein ist unser Zweck.»

Vor etwas mehr als einem Jahr haben Freunde und Bekannte ein Schreiben mit dieser Überschrift erhalten. Die Botschaft: In der Lebensmitte gehe ich ins Kloster.


Von Br. Fridolin Schwitter

Die Reaktionen waren von vielen mir bekannten und unbekannten Menschen erstaunlich. Wie ein roter Faden war prägend: «Eigentlich möchte ich auch. Nicht unbedingt ein Kloster aber doch zumindest ein Ausbruch oder eine Veränderung.» Weshalb wohl? Seit Jahren befahre ich auf individuellen Fahrradreisen die Welt. Nicht entlang der touristischen Ströme, sondern dort, wo das reale Leben stattfindet. Diese Eindrücke sind für meinen Kurswechsel prägend: Aids-Problematik in Südafrika, die gesellschaftlichen Geheimnisse Indiens oder das Lebensumfeld vieler Schwellenländer.



Ich gehöre einer Generation an, die immer über einen vollen Teller und ein warmes Bett verfügte. Meine globalen Begegnungen und die daraus gewonnenen Erkenntnisse führen zur kritischen Hinterfragung unseres Handelns.
Die Auseinandersetzung mit Fragen des Glaubens war eine logische Konsequenz. Ein Thema, das zugegebenermaßen vor 20 Jahren für mich fast bedeutungslos war. Dann, der 45. Geburtstag: Lebensmitte. Man beschäftigt sich intensiv mit der Gegenwart und Zukunft und definiert «Erfolg» plötzlich neu.

- Wo bin ich Gott am nächsten? Eine Erkenntnis aus den Reisen: Menschen in Armut sind oft viel glücklicher. Nicht die materiellen Dinge sind ihre Fixpunkte. Familie, Dorfgemeinschaft und Religion stehen im Lebenszentrum. Welcher Gegensatz zu uns: Unsere Indikatoren heißen: Ansehen, Einfluss und Macht. Aus dieser Erkenntnis geht es bei Religion nicht nur um Anbetung einer hölzernen Figur. Religion ist Auseinandersetzung mit Gesellschaft, Umwelt und Leben. Dies ist auch zentraler Schwerpunkt unseres Gästeklosters.

- Wie kann ich meine Talente und Fähigkeiten zum Wohl einer Gemeinschaft und Menschen einbringen? Gesellschaftliche Entwicklungen und Veränderungen standen im Mittelpunkt meines Berufs. Stark habe ich mich mit diesem identifiziert und ihn mit Freude bis zum letzten Arbeitstag gelebt. Die heutige Aufgabe an der Pforte und die Betreuung des offenen Klostertischs ist direkter und näher bei den Menschen.

- Wie kann ich authentisch und glaubwürdig leben? Prägende Elemente der franziskanischen Lebensführung sind die Nähe zum Menschen, der faire Umgang mit Tieren und die Sorge zur Umwelt. Diese Elemente werden an Bedeutung gewinnen. Neue persönliche Bereiche kommen dazu: Gesangsunterricht, Ausbildung im theologischen Bereich und das Lernen des Lebens in einer Gemeinschaft.

- Wo fühle ich mich am lebendigsten und verfüge trotzdem über den notwendigen Freiraum? Obwohl der Klosteralltag klar und verbindlich strukturiert ist, besteht ausreichender Freiraum - sogar für den mir wichtigen Sport. Nicht die Agenda mit den Terminen sind bestimmend, und nach meinem Salär erkundigt sich auch niemand mehr. In gewisser Hinsicht sind Kapuziner Individualisten. Das sichert mir den wichtigen Freiraum und Auslauf.

Hinsichtlich meiner vier Ziele bin ich auf Kurs. Oft bin ich mit den Gedanken noch auf meinem vierjährigen Weg der Berufung. Allein schon deswegen, weil die Erkenntnisse und Erfahrungen daraus interessant und bereichernd waren. Mein Wunsch wäre, dass noch weitere «Brüder auf Zeit» folgen. Allein schon deshalb, weil das Projekt eine andere Art der Lebensgestaltung ermöglicht und so auch für die Gemeinschaft bereichernd ist.

Nähere Informationen unter: www.klosterrapperswil.ch und www.kapuziner.ch (Link «Bruder auf Zeit»)

Fridolin Schwitter

*1960, Ökonom, zuletzt tätig als Beauftragter für Wirtschaftsfragen der Stadt Luzern, seit Anfang 2010 «Bruder auf Zeit» im Kapuzinerkloster Rapperswil


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Datenschutzerklärung   Letzte Aktualisierung: 15.03.2017 18:21