zurück zur Übersicht 
Kreativ gegen den Abi-Stress
Region Hanau. Auch bei den Abiturienten der Hohen Landesschule knallten am frühen Donnerstag-nachmittag die ersten Sektkorken. Mit der schriftlichen Prüfung im Fach Mathematik hatten hessenweit Tausende Schüler einen der großen "Angstgegner" zumindest hinter sich gebracht. "Jetzt ist erst einmal Zeit für eine Verschnaufpause und Feierei", erklärte Julian Baus, der wie viele seiner Altersgenossen tagelang im Lernstress war, dem Hanauer Anzeiger.


Vom wohltuenden Bad bis zum Klosterleben: Reifeprüflinge im Kreis versuchen vor allem abzuschalten

Menschen, die sich an ihr Abitur erinnern, neigen zu verklärender Nostalgie. "Das waren noch Zeiten", hört man 'sie gern sagen. "Ach, wäre ich gern noch einmal in der Schule." Schnell vergessen sie, dass die Zeit rund um die Reifeprüfung in Wahrheit gar nicht so locker und leicht war, wie später gern behauptet.



Wer Einblick in die Volksseele bekommen will, schaut 2012 am besten in sozialen Netzwerken vorbei, vorzugsweise bei Facebook, besonders wenn es um die Seelen junger Erwachsener geht. Online wird längst alles geteilt, was sich irgendwie in Bild und Text pressen lässt - selbstverständlich auch alle Gefühle rund um das Abitur. Das gebotene Spektrum an aktuellen Statusmeldungen reicht erwartungsgemäß von "Ich peil' gar nix mehr" bis "Sport war gut. Check!". Weitgehende Einigkeit, das bestätigen die News Feeds der letzten Tage klar, besteht in der Wahrnehmung des Abiturs als Stressfaktor.
Das hat sich seit den Zeiten vor Web 2.0 nicht verändert. Dementsprechend facettenreich fallen die Motivations-parolen aus, die da durchs Web surfen: vom klassischen "Daumen gedrückt!" zum bedeutungsschwangeren "Lernt um euer Leben" bis zum symbolträchtigen "Yes, I can!"

Kreuzburg bietet "Abi Asyl" an

Am Franziskanergymnasium Kreuzburg haben Schüler, die sich von nervigen Einflüssen ungestört möglichst ruhig auf ihre Prüfungen vorbereiten möchten, die Möglichkeit, am so genannten "Abi-Asyl" teilzunehmen. "Sie leben eine Woche lang bei uns im Kloster", erklärt Schulseelsorger Bruder Stefan. Zwar hätten die Franziskaner kein spezielles Meditationsprogramm organisiert, um die jungen Leute "runter zu bringen", so Bruder Stefan. Allerdings nutzten einige Prüflinge die Gelegenheit, am geistlichen Leben, an Gottesdiensten und Gebetsstunden, teilzunehmen. "Das hat bereits einen beruhigenden Effekt", weiß der Seelsorger.



2012 traten im Main-Kinzig-Kreis insgesamt 1817 junge Leute zu den Abiturprüfungen an, davon Viktoria Arndt, 1266 an Gymnasien oder Schulen mit gymnasialer Oberstufe und 551 an den Beruflichen Gymnasien. Die Stadt Hanau zählte 705 Abiturienten, in erster Kategorie 493, in zweiter 2012.

Gestern waren hessenweit die Prüfungen der Grund- und Leistungskurse in Latein angesagt, bereits am Montag geht es bereits für alle weiter, die Deutsch, Spanisch, Italienisch, Russisch, Latein, Altgriechisch, Kunst, Musik oder Informatik in einem Grundkurs belegt haben. Am Dienstag werden dann die Biologie-Prüflinge schwitzen. Der schriftliche Examens-reigen endet am 30. April mit den Latein- und Spanisch-leistungskursen, drei Wochen später beginnen bereits die ersten Nachprüfungen.

Aktives Entspannen lohnt sich

Wolfgang Reis, Leiter der Hanauer JugendberatungssteIle am Sandeldamm, rät allen Abiturienten, die noch Prüfungen vor sich haben, Ruhe zu bewahren. "Aktives Entspannen lohnt sich immer", sagt er, "gerade im Prüfungsstress." Je nach Typ wirkten im Lernstress eine Stunde Sport, musizieren oder einfach ein wohltuendes Bad Wunder "Wichtig ist, dass ein Wechsel zwischen Anspannung und Entspannung stattfindet", sagt Reis. Kreative Arbeiten zwischen den Lerneinheiten erleichterten es ebenfalls, den Prüfungsstress zu bewältigen. "Dann ist das Gehirn mal anders gefordert." Stupides Pauken ist in den Augen des Experten selbst in den Tagen kurz vor einer Prüfung wenig sinnvoll. "Im Idealfall wechselt man regelmäßig zwischen verschiedenen Themengebieten, anstatt sich an einer Sache festzubeißen."
Julian Baus zumindest hat sich nicht verrückt machen lassen. "Am Tag vor der Matheklausur habe ich mit Freunden Fußball geschaut und abgeschaltet", berichtet Julian Hauser. Und macht gleich allen, die ihre Prüfungen noch vor sich haben, Mut. "Es wird auch nicht mehr verlangt als in einer normalen Klausur. Wer gelernt hat, sollte auch die Prüfungen schaffen." Viktoria Arndt, die ihr Abitur an der Karl Rehbein-Schule ablegt, sieht das ähnlich.
"Das Lernen hat sich auf jeden Fall gelohnt", sagt sie. Allerdings habe sie sich vielleicht ein wenig zu viel gestresst. "Ich habe bereits um Weihnachten angefangen, mich vorzubereiten und in dieser Zeit nicht wirklich gelebt." Kurz vor den Prüfungen stieg Arndts Nervosität trotzdem in ungeahnte Höhen. "Deshalb bin ich zu meinem Freund nach Bonn gefahren. Zuhause habe ich es nicht mehr ausgehalten."

Das Mitleid der restlichen Bevölkerung ist den Abiturienten auf jeden Fall sicher. Auf der Facebook-Seite des Senders Hit-Radio FFH konnten sich Lernende und Grübelnde Abiturienten vergangene Woche Lieder wünschen, um die Nacht vor der großen Prüfung möglichst gut rumzubekommen.
Das Angebot von Moderatorin Uta Schmidt wurde gern angenommen. Klar, dass der Monty-Python-Hit "Always look on the bright side of life" auf der Wunschliste stand, ebenso wie Bruno Mars' "Talking to the moon" oder Deichkinds "Leider geil" - letzter Song für alle, die sich im Rundumstress auf den Humor bewahrt haben.

Maryanto Fischer

Quelle: Hanauer Anzeiger, 24. März 2012

Bildnachweis: Br. Stefan Federbusch


  zurück zur Übersicht    Seitenbeginn  

Datenschutzerklärung   Letzte Aktualisierung: 15.03.2017 18:34