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Fazenda da Esperança
Mit der Ankunft der 12 Missionare aus Brasilien, Argentinien, Deutschland, Polen, Belgien und Uzbekistan begann am 1. April 2012 das Leben der ersten Männerfazenda in der Schweiz.


Für Männer gibt es erstmals in der Schweiz eine Fazenda da Esperança im Pachthaus des Klosters Wattwil SG. Mitten im schönen Toggenburg, prächtig gelegen oberhalb des Dorfes Wattwil, bietet die Lebensgemeinschaft Platz für ca. 12 Bewohner. Die Gemeinschaft betreut ein geistliches, offenes Zentrum im historischen Kloster, betreibt eine kleine Landwirtschaft und kümmert sich um die Pflege des Geländes und der Klostergebäude.

Die Gemeinschaft arbeitet eng zusammen mit den Deutschen Fazendas, von denen es mittlerweile bereits 5 gibt.

Das Kloster Maria der Engel samt Pachthaus (Bild links) daneben bietet den wunderschönen Rahmen für die erste Schweizer Fazenda da Esperança. Genauso wie unsere Vorgängerinnen, die Kapuzinnerinnen, die fast 400 Jahre lang das Kloster belebt haben, fühlen wir uns dem Geist des Hl. Franz von Assisi verpflichtet, der schon vor 800 Jahren Ausgegrenzte angenommen und die Sorge für sie übernommen hat. Die jungen Männer leben im Pachthaus, arbeiten im Hof und im Kloster.
Die barocke Kirche wird zusammen mit der Pfarrei Wattwil genutzt. Der prächtige Klostergarten, das Hof-Café samt Laden, das schöne Kloster laden (fast) jeden Sonntag zum Verweilen ein. Die Infrastruktur wird anderen Gemeinschaften, Vereinen und Gruppen in einem offenen, geistlichen Zentrum zur Verfügung stehen, und von der Fazenda-Gemeinschaft betreut werden.

Das geistliche Zentrum im Kloster

Wir beabsichtigen die Infrastruktur des prächtigen Klosters auch anderen Gruppierungen, Gemeinschaften und Vereinen zur Verfügung zu stellen. Wir verfügen über drei grosse Säle für Sitzungen und Veranstaltungen, eine voll ausgerüstete Grossküche, ein grosser Garten zum Verweilen sowie eine prächtige Lage. Im Zellentrakt wollen wir einfache, zweckmässige Unterkünfte anbieten. Bis es so weit ist, müssen Sie uns aber noch einige Zeit gönnen. Nicht nur Ihr Interesse, sondern auch Ihren finanziellen Beitrag für diese grosse Investition schätzen wir sehr!

Quelle: www.fazenda.ch

Am 15. April 2012 hat der St. Galler Bischof Markus Büchel (im Bild rechts) die neue Fazenda da Esperança im ehemaligen Kapuzinerinnenkloster Wattwil besucht. In Gesprächen, auf einer Besichtigungsrunde und am Mittagstisch informierte sich der Bischof über die Gründungsphase der ersten Schweizer Fazenda da Esperança.



Geschichte der Fazenda da Esperança

1983 gründete der deutsche Franziskanerpater Hans Stapel mit jungen Leuten in Brasilien die erste Fazenda da Esperança in der brasilianischen Ortschaft Guaratinguetá. Diese besuchte Papst Benedikt XVI. im Mai 2007. Heute existieren rund 80 Facendas weltweit, die meisten in Südamerika, aber auch in Deutschland und auf den Philippinen.

Die Fazenda da Esperança (Hof der Hoffnung) ist eine Wohngemeinschaft, in der Jugendliche in schwierigen Lebenssituationen leben und von Fachleuten betreut werden. Die meisten haben Suchterfahrungen, Drogen, Alkohol, Spielsucht oder Essstörungen. Das Betreuungskonzept baut auf den drei Pfeilern auf: Leben in Gemeinschaft, Spiritualität und Arbeit. Auf den Höfen leben junge Menschen in bis zu 15 Häusern à maximal 14 Personen. Frauen- und Männerhöfe sind getrennt.

Geschäftsführer der Wattwiler Fazenda ist der Pflegefachmann Jan Colruyt. Ihm zur Seite stehen der Trägerverein Fazenda da Esperança Schweiz mit Beirat. Darunter befindet sich eine Juristin, ein Psychiater und der örtliche katholische und der reformierte Pfarrer - sowie die Fazenda-erfahrene Renée-Claire Steinemann (siehe Interview). Ein Förderverein wird sich um Spenden und Öffentlichkeitsarbeit kümmern. Die ganze Struktur wurde mit der Gründung der Fazenda da Esperança Schweiz am Fest des Heiligen Franziskus (4. Oktober) ins Leben gerufen.

Erste Schweizer Fazenda da Esperança in Wattwil SG: Die Leere füllen mit dem Wort Gottes

Von Regula Pfeifer / Kipa

Zürich, 30.1.12 (Kipa) Im Mai öffnet die erste Schweizer "Fazenda da Esperança" im ehemaligen Kapuzinerinnen-kloster St. Maria der Engel in Wattwil SG den Suchtkranken ihre Tore. Was ist von dieser Institution zu erwarten? Die Presseagentur Kipa sprach mit Renée-Claire Steinemann, dem amtsältesten Schweizer Mitglied dieser international tätigen Gemeinschaft. Steinemann ist Beirätin des im Oktober gegründeten Trägervereins Fazenda da Esperança Schweiz.

Frage: Wie hat Ihr Engagement für die Fazendas begonnen?

René-Claire Steinemann: Als ich Sekretärin in der Zürcher Pfarrei Liebfrauen war, übernachtete der Gründerpfarrer der Fazendas, Pater Hans Stapel, ab und zu in unserer Pfarrei. Die erste Predigt, die ich hörte, handelte von einem Fazenda-Mitbewohner. Das ging einem sehr nahe. In jener Zeit befand sich die Drogenszene am Platzspitz in Zürich. Die Drogensüchtigen kamen auch ins Pfarrhaus. Wir versorgten sie mit Tee, Sandwiches und Kleidern. Eines dieser Mädchen brachte ich 1992 in eine brasilianische Frauen-Fazenda. Die dort geleistete Arbeit fand ich toll, ich wollte mich beteiligen.

Frage: Das taten sie dann.

Steinemann: Ja, später. 1998 sistierte ich meine Arbeit für eineinhalb Jahre. Pater Hans Stapel wollte in Deutschland eine Fazenda eröffnen. Ich half beim Aufbau. Nach acht Wochen begleitete ich die brasilianischen Missionare in ihre Heimat und blieb ein Jahr dort. Ich wollte diese Spiritualität besser kennen lernen. Dann kehrte ich in die Schweiz zurück. Ich habe ja zwei Töchter und musste auch Geld verdienen.

Frage: Waren Sie auch in der Schweiz aktiv?

Steinemann: Von 1993 bis 2003 organisierten wir in Adliswil ZH mit dem Pfarrer eine Elterngruppe für Eltern von Jugendlichen, die sich in brasilianischen Fazendas befanden. Diese traf sich viermal im Jahr und löste sich 2003 auf. Die meisten Jugendlichen waren drogenfrei zurückgekehrt und fingen eine Lehre oder ein Studium an oder gründeten eine Familie.

Frage: Gab es weitere Engagements?

Steinemann: 2003 startete ich mit zwei Deutschen und drei Brasilianern eine Fazenda auf den Philippinen. Ich blieb für einen Monat und kehrte jährlich für ein paar Wochen zurück, sechs Jahre lang. Bis es für mich gesundheitlich schwierig wurde. Diese Fazenda unterstützten wir zudem mit Beiträgen der Gemeinde Adliswil und der reformierten und katholischen Kirche Adliswil. Vor drei Jahren war ich in Afrika und überbrachte Geld für den Bau eines Schulhauses. Ein Jahr später holte ich mit dreihundert weiteren Personen die Statuten im Vatikan ab. Diese bezeugen, dass die Fazendas als religiöse Gemeinschaft eingetragen sind.

Frage: Wie sieht das Leben auf einer Fazenda aus?

Steinemann: Ich beschreibe die Fazenda auf der philippinischen Insel Masbate, weil ich dort am längsten gelebt habe.
Die Jugendlichen haben frühmorgens Meditation, lesen aus der Bibel und entnehmen ihr ein Wort, nach dem sie am Tag leben. Dann wird die Arbeit verteilt, auf dem Feld, in der Milchwirtschaft, in der Bäckerei, was immer es hat auf der Fazenda. Nach der Mittagspause arbeiten sie bis fünf Uhr. Etwa dreimal pro Woche versammelt man sich nach dem Abendessen und berichtet über Erlebnisse mit dem "Wort". Die Jugendlichen haben eine Leere, darum gehen sie in die Droge. Diese Leere will man füllen mit dem Wort Gottes. Pater Hans Stapel sagt immer, er wolle nicht Leute von den Drogen befreien, sondern neue Menschen machen für Gott. Das andere gehe von alleine weg. Man versucht, Liebe zu leben. Es ist erstaunlich, wie sie sich verändern, wie sie fröhlich werden.

Frage: Freiwillige helfen mit.

Steinemann: Es braucht eine Menge Freiwillige, solche, die spenden, solche, die vor Ort helfen - bei der Wäsche, beim Kochen. Vieles übernehmen Nachbarn, aber auch von fern reisen Freiwillige an. Andere nehmen Jugendliche eine Weile bei sich auf. Man ist Familie.

Frage: Wie ist es, wenn Jugendliche ankommen?

Steinemann: Am ersten Tag untersucht man das Gepäck nach Drogen. Am Anfang muss man sie tragen und zum Bleiben motivieren. Es ist ein harter Weg. Ohne Fernsehen - vielleicht alle drei Wochen ein Film -, ohne Zigaretten, ohne Sex. Man ist immer in Gemeinschaft, lebt in Gruppen von 10 bis 15 in einem Haus - mit Ausnahme einer Familie, die ein eigenes Haus erhielt.

Frage: Fazendas wenden sich an Drogensüchtige.

Steinemann: Und an Alkoholiker, magersüchtige Frauen, Diebe - oder in Brasilien auch an Gefängnisinsassen. Dies beruht auf Vereinbarungen mit verschiedenen Gefängnissen.

Frage: Der Drogenentzug passiert auf den Fazendas ohne medizinische Hilfsmittel.

Steinemann: Heute empfiehlt man Drogensüchtigen, erst nach dem klinischen Entzug zu kommen. Aber ich habe verschiedene erlebt, die den Entzug in der Fazenda machten. Man bleibt bei ihnen und begleitet sie, wenn nötig auch zum Arzt. Aber man gibt keine Medikamente ab.

Frage: Werden auch Leute abgelehnt?

Steinemann: Junge mit Psychosen nimmt man heute weniger. Man sagt, wer ärztliche Hilfe braucht, sollte in eine Klinik gehen. Bei uns sollten sie arbeiten, um ihre Würde wieder zu erlangen und wieder in Strukturen leben zu lernen. Viele lebten vorher auf der Strasse.

Frage: Wie sieht der Abschied aus?

Steinemann: Wenn die Jungen den Wandel geschafft haben, gehen sie. Zuerst nach Hause zur Familie. Einige kommen retour und arbeiten ein Jahr als Freiwillige mit, andere gehen ins Leben hinaus. In den verschiedenen Städten gibt es Ehemaligengruppen, die sich regelmässig treffen und stützen, damit sie nicht zurückfallen in die Drogen.

Frage: Wirken Ordensgemeinschaften mit?

Steinemann: Fast in jeder Fazenda hat es Ordensschwestern. Wir hoffen, dass auch in Wattwil Schwestern mithelfen werden. Auf den Philippinen war es eine brasilianische Gemeinschaft. Die drei Schwestern halfen bei der Katechese und der Meditation. Sie übernahmen den Gottesdienst, wenn der Pfarrer abwesend war, und führten Gespräche mit den Jugendlichen.

Frage: Werden Fazendas von Pfarrern geleitet?

Steinemann: Nein, meist von Ehemaligen, die wissen, wie das geht mit den Drogen. Zu ihrer Seite steht meist ein Freiwilliger.

Frage: Wie arbeiten die Kirche und die Fazendas zusammen?

Steinemann: Der örtliche Bischof ist ganz wichtig: Wenn er eine Fazenda will und wir das Land geschenkt bekommen, dann kann einer Gründung nichts im Weg stehen.

Frage: Wie läuft eine Gründung ab?

Steinemann: Man startet mit einer Mission. Ein Rundbrief an die Ehemaligen fragt an, wer einen Monat am Aufbau mitarbeiten möchte. Die Reise zahlt jeder selbst und alle bringen Geld mit. Damit fängt man zu leben an. Niemand hat einen Lohn. Dann kommen die Spenden.

Frage: Aktuell sind Sie in Wattwil engagiert.

Steinemann: Nun bin ich im Beirat der geplanten Fazenda in Wattwil. Ich besuchte Wattwil drei, vier Mal und schaute mir alles an, als es uns noch nicht gehörte. Im Oktober beteiligte ich mich an der Gründerversammlung und kürzlich hatten wir eine Sitzung.
Abgesehen davon organisiere ich die diesjährige Pfarreireise von Adliswil zu brasilianischen Fazendas. Unsere Pfarrei unterstützt diese immer wieder finanziell.

Frage Was gefällt Ihnen am Engagement?

Steinemann: Ich bin ein religiöser Mensch und fühle mich berufen, etwas für Drogensüchtige zu tun. Die Fokolar-Bewegung war meine erste Berufung. Dort wuchs mein Wunsch, Jesus etwas zu schenken und herauszufinden, wofür ich auf der Welt bin.
Für mich sind die Fazendas ein Werk Gottes, sonst wäre schon lange alles eingeschlafen.

Quelle: www.kipa-apic.ch


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