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Teil der Lösung, nicht des Problems
Der Beitrag der Religionen zum Frieden
Am 20. Oktober 2010 proklamierte die UNO-Vollver-sammlung die erste Februarwoche jeden Jahres ab 2011 zu einer Woche der Interreligiösen Harmonie (World lnterfaith Harmony Week). Der Vorschlag für diese Resolution, die einstimmig angenommen wurde, wurde vom jordanischen König Abdullah II. einge-bracht und fand die aktive Unterstützung von 29 Ländern von Aserbaidschan, über Guatemala, Tansania bis Jemen - darunter bemerkenswerterweise kein einziges europäisches Land (außer Albanien).


Vor der Abstimmung hielt der Sohn des jordanischen Königs, Prinz Ghazi bin Muhammad, eine beachtenswerte Rede, die wir hier in Auszügen bringen:

Wie dieser Versammlung wohl bewusst ist, ist unsere Welt voller religiöser Spannungen und leider auch voll Misstrauen, Abneigung und Hass. Diese religiösen Spannungen können leicht in kommunaler Gewalt ausbrechen. Sie begünstigen auch die Dämonisierung des anderen, was wiederum die öffentliche Meinung dafür anfällig macht, den Krieg gegen die Völker anderer Religionen zu unterstützen...


Franziskus im Gespräch mit dem Sultan Melek al Kamil

Der Missbrauch von Religionen kann also eine Ursache des Unfriedens in der Welt sein, während doch die Religionen eine großartige Grundlage für die Ermöglichung des Weltfriedens bilden könnten. Die Lösung für dieses Problem kann nur aus den Weltreligionen selbst kommen. Die Religionen müssen Teil der Lösung, nicht Teil des Problems sein. Viel gute Arbeit ist bereits in diese Richtung geleistet worden - beginnend mit dem Zweiten Vatikanischen Konzil von 1962 bis 1965 - von Hunderten von Gruppen innerhalb der Religionsgemeinschaften und von interreligiösen Gruppen in der ganzen Welt und in allen Religionen.

Doch die Kräfte, die die interreligiösen Spannungen schüren (unter ihnen religiöse Fundamentalismen verschiedenster Art), sind besser organisiert, erfahrener, besser koordiniert, motivierter und rücksichtsloser. Sie sind listiger, verfügen über mehr Institute, mehr Geld, mehr Macht und mehr Einfluss auf die Öffentlichkeit, so dass sie die ganze positive Arbeit der verschiedenen interreligiösen Initiativen bei weitem überwiegen. Der traurige Beweis dafür ist, dass religiöse Spannungen im Zunehmen sind und nicht im Abnehmen...

Im Titel der Resolution selbst und an anderen Stellen wird das Wort "Harmonie" im chinesischen Sinn des Wortes verwendet. Wir fügen dieses Wort dem Begriff "Toleranz" hinzu (den wir auch verwendet haben), denn Toleranz kann suggerieren, dass die anderen so negativ sind, dass sie geduldet werden müssen. Wir können nicht "Akzeptanz" verwenden, weil das impliziert, dass Religionen die Lehren der anderen akzeptieren müssten - anstatt ihr Recht auf jene Lehren - und dies ist nicht der Fall. Wir können nicht den Begriff "Frieden" allein verwenden, weil es lediglich die Abwesenheit von Krieg suggeriert und nicht unbedingt die Abwesenheit von Hass. Nur das konfuzianische Konzept der Harmonie kann uns hier helfen, weil es nicht nur Frieden suggeriert, sondern auch "positive und dynamische Interaktion zwischen den verschiedenen Elementen innerhalb eines Ganzen".

Im Absatz 3 wird die "Liebe zu Gott und die Liebe zum Nächsten oder die Liebe zum Guten und die Liebe zum Nächsten" angesprochen. Warum ist dieser religiöse Bezug notwendig in einer Resolution der Vereinten Nationen?... [sinngemäß: Die religiöse Dimension außer Acht zu lassen], würde bedeuten, die Gefühle von 85 Prozent der Weltbevölkerung zu missachten, die dem einen oder anderen Glauben angehören... Für viele Muslime, Christen und Juden, die zusammen ungefähr 55% der Weltbevölkerung ausmachen und (ich bedaure das sagen zu müssen) in die meisten Konflikte der Welt involviert sind, ist es notwendig, die Substanz ihres Glaubens zu benennen...

Diese Sprache schließt keinen Angehörigen einer Religion oder Menschen ohne Glauben aus. Jeder Mensch guten Willens, mit oder ohne Glauben, kann und sollte sich verpflichten zur Nächstenliebe und zur Gottesliebe oder zur Liebe zum Nächsten und zur Liebe zum Guten. Den Nächsten und das Gute zu lieben ist schließlich die Grundessenz des guten Willens. Und sich auf "das Gute" zu beziehen, erfordert nicht notwendig einen Glauben an Gott oder an eine bestimmte Religion, auch wenn für viele Gläubige "das Gute" genau Gott ist. Jesus Christus sagte: "Niemand ist gut als Gott allein" und "der Gute" - "Al-Barr" - ist einer der Namen Gottes im Heiligen Koran. So vom "Guten" zu sprechen ist eine theologisch korrekte, aber inklusive Formel, die - soweit es geht - alle Menschen verbindet und niemand ausschließt.

Quelle: en.wikipedia.org/wik/World_Interfaith_Harmony_Week
Übersetzung aus dem Englischen: Hans Waltersdorfer

Entnommen aus: Echo der Stille Nr. 2 – Mai 2011, S. 6-7


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Datenschutzerklärung   Letzte Aktualisierung: 15.03.2017 18:35