zurück zur Übersicht 
Dialog statt Hetze - Grundlagenseminar 2019
Das diesjährige Grundlagenseminar stand unter dem Thema „Franziskus und der Sultan. Dialog statt Hetze“. Vom 29.-31. März 2019 widmeten sich die 39 Teilnehmenden in Kloster Oberzell dem interkulturellen Dialog. Was bedeutet Religions- und Kulturdialog aus franziskanischer Perspektive? Wie erleben Menschen aus anderen Religionen und Kulturen unsere kulturellen Werte und Muster in Deutschland? Wie lässt sich interkultureller Dialog gestalten?


Szenario: Besuch einer Delegation aus einer anderen Kultur – ein Mann kommt herein, mit etwas Abstand zwei Frauen mit Kopftüchern hinter ihm – sie gehen schweigend einmal am großen Sitzkreis der Teilnehmenden entlang – bei den Menschen, die mit überschlagenen Beinen sitzen, nehmen sie das Bein und setzen den Fuß auf den Boden – am Ende der Runde setzt sich der Mann auf einen Stuhl, die beiden Frauen knien sich rechts und links auf den Boden – der Mann lässt sich einen Teller mit Erdnüssen anreichen und isst einige davon, im Anschluss auch die Frauen – der Mann legt den Frauen seine Hände auf den Rücken und diese verbeugen sich – alle drei stehen schweigend auf und verlassen den Raum wie sie gekommen sind…


Erhellende Übung: Besuch der "Albatros-Delegation"

Auftrag an die Gruppe: Was habe ich gesehen? Stichwortsammlung: Übergriffigkeit, Patriarchat, Grenzverletzung, Geschlechterrollen, Körpersprache usw. In der Reflexion wird schnell deutlich, dass der überwiegende Teil der Stichworte Deutungen und Interpretationen sind, aber keine Beobachtungen. Wir verknüpfen unsere Wahrnehmungen sofort mit Deutungen. Diese können zutreffend sein, müssen es aber keineswegs.

In diesem Fall handelte es sich um eine Delegation der Albatroskultur. Die Albatros-Kultur ist eine matriarchalische Kultur, in der die Erde als Muttergottheit verehrt wird. Große Füße sind ein Schönheitsideal, denn sie ermöglichen einen guten Kontakt zur Erde. Die Kraft der Muttergottheit kann durch den Verzehr von Erdnüssen erschlossen werden. Sie sind eine rituelle Speise. Gästen wird besondere Ehrerbietung erwiesen, indem ihren Füßen möglichst viel Bodenkontakt gegeben wird. Da Frauen ebenso wie die Mutter Erde Leben hervorbringen können, haben sie besondere Privilegien. Männer haben die Pflicht, Speisen der Frauen vorzukosten und vor ihnen her zu gehen, um Gefahren abzuwenden. Frauen dürfen auf dem Boden sitzen, während Männern unbequeme Sitzgestelle, genannt Stühle, zur Verfügung stehen, die sie in Distanz zur Muttergottheit halten. Für ihre Dienste werden Männer belohnt, indem sie Frauen die Hand auf den Rücken legen dürfen. Diese neigen sich dann der Gottheit zu, nehmen Energie auf und leiten sie durch ihren Körper an den Mann weiter. Ansonsten ist es Männern nicht gestattet, Frauen ohne deren Aufforderung zu berühren. Die Deutungen der Gruppe erwiesen sich somit als überwiegend falsch.

Eine Übung und Erkenntnis, wie sie die 39 Teilnehmenden am diesjährigen Grundlagenseminar machen dürften, das vom 29.-31. März 2019 in Oberzell stattfand. Die Teilnehmenden spiegelten Buntheit und Vielfalt wider in ihrer Mischung aus Ordensleuten, Ehepaaren und Singles aus verschiedensten franziskanischen Gemeinschaften und Gruppierungen.


Bilder von der Skulptur "Engel der Kulturen" in der gestalteten Mitte

Bereits der Einstieg griff den Gedanken der ergänzenden Vielfalt auf, bei dem Br. Stefan Federbusch die Initiative „Engel der Kulturen“ vorstellte. Aus den Symbolen der drei monotheistischen Religionen von Judentum, Christentum und Islam ergibt sich ein Engel, der in allen drei Religionen eine Rolle spielt.

Dass Kultur einen eigenen Standpunkt erfordert, verdeutlichte Moderator Franz-Josef Wagner mit der Kennlernübung. Alle Teilnehmenden schrieben auf vier Zettel einen ihrer Namen, ihren Lieblingsort, einen Beziehungsstatus (dabei war Ordensschwester ebenso möglich wie leibliche Schwester oder Tante) sowie eine Lieblingstätigkeit. Im Austausch in der Kleingruppe musste jeweils ein Zettel abgegeben werden, um zu schauen, was für mich den wichtigsten Identitätsmarker darstellt.



Den ersten längeren inhaltlichen Input bot Dr. Krijn Pansters von Universität Tilburg mit einem historischen Zugang zur Begegnung des hl. Franziskus mit Sultan Melek al Kamil im Jahr 1219. Er gab eine Einordnung in das Zeitgeschehen sowie einen Überblick über die Quellenlage.
Um die Schlussfolgerungen aus den historischen Erkenntnissen ging es in einem zweiten Impuls. Was bedeutet Religions- und Kulturdialog aus franziskanischer Perspektive?

Wie kann es vom Streitgespräch zum Kultur-Dialog kommen? Zu dieser Frage hatte die Vorbereitungsgruppe Hamza Özkan und Michèl Schnabel vom Selam Mainfranken e.V. eingeladen. Die beiden Islam-Lehrer berichteten von ihren persönlichen Erfahrungen aus dem Schulalltag. Zudem brachten sie den Teilnehmenden eine Menge alltagspraktischer Verhaltensweisen aus islamischer Perspektive nahe wie beispielsweise die Begrüßungskultur, die Frage von Berührungen und des Verhältnisses von Mann und Frau, der Umgang mit Gastfreundschaft usw.


Hamsa Özkan bei der Kartoffel-Übung

Die Verschiedenartigkeit verdeutlichten sie anhand der Kartoffelübung. Nachdem jede/r ihre/seine Kartoffel eine Weile in Händen gehalten hatte, wurden die Kartoffeln eingesammelt und gemischt mit dem Auftrag, die eigene Kartoffel wiederzufinden, was mehr oder weniger gelang.

Das Gehörte wurde in zwei Workshopgruppen vertieft. In der einen Gruppe ging es um kulturelle (und religiöse Muster). Hamza Özkan und Michèl Schnabel erläuterten dabei weitere Hintergründe aus der islamischen Tradition wie das Verständnis der Scharia oder die Bedeutung des Kopftuchs. Ähnlich dem Christentum mit seinen Konfessionen gibt es auch im Islam sehr unterschiedliche Richtungen. Wenn beispielsweise in Talkshows nur bestimmte (häufig radikale) Personen eingeladen werden, fühlt sich die Mehrzahl der Muslime nicht adäquat vertreten. Ergänzend berichteten zwei Frauen, Lusine Harutyunian aus Armenien und Zahra Yusuf Abdi aus Somalia von ihren Erfahrungen, als sie nach Deutschland kamen. Es zeigte sich, dass die kulturellen Differenzen aufgrund des religiösen Hintergrunds von christlich-orthodox und islamisch unterschiedlich groß waren. Als ein wichtiger Punkt blieb hier die Unterscheidung zwischen kulturbedingt und religionsbedingt.


Sr. Beate Krug (3. v.r.) und Br. Stefan Federbusch (2. v.l.) vom Vorbereitungsteam mit Lusine Harutyunian, Michel Schnabel, Hamza Özkan, Sr. M. Luzia Zähringer und Zahra Yusuf Abdi (v.l.n.r.)

Die zweite Gruppe beschäftigte sich mit „Begegnungen – wie wir denken, wie wir handeln“. Sie wurde begleitet von Fr. Dillenz und H. Kus von der Jugendbildungsstätte Unterfranken in Würzburg. In verschiedenen Übungen ging es um die Frage der Wahrnehmung. Die eingangs geschildete Übung verdeutlichte die notwendige Unterscheidung zwischen Beobachtung und Interpretation. Unterschiedliche Positionen zeigten sich in der Definition von Kultur. Die VertreterInnen der Jugendbildungsstätte vertraten einen Kulturrelativismus, bei dem Kultur dekonstruktiviert und vorrangig dem einzelnen Menschen zugeordnet wird. Der traditionelle Kulturbegriff geht davon aus, dass es bei aller Dynamik gemeinsame Werte gibt, die Menschen verbindet und diese sich in kulturellen Mustern ausdrücken. Ein Kulturdialog zielt auf den Austausch über diese Werte, um ein gegenseitiges Verständnis zu wecken. Erst dann kann es gelingen, Vielfalt als Bereicherung anzusehen, indem ich die Angst vor dem Fremden überwinde und innerlich bereit bin, mich durch die Begegnung verändern zu lassen.

Die Fülle des Erlebten wurde deutlich in der gegenseitigen Vorstellung der Ergebnisse. Für die Beteiligten überraschend war, dass die muslimischen Vertreter rückmeldeten, dass in der Ausbildung und islamischen Wissenschaft die Begegnung von Franziskus mit dem Sultan bekannt sei und eine Rolle spiele. Aus ihrer Sicht könnte der Gesprächsgegenstand bei dieser Begegnung die Frage nach den Zeichen der Zeit bzw. nach der Endzeit gewesen sein, die sowohl das Christentum als auch den Islam beschäftigt.


Begegnung und Dialog ausgedrückt durch Tanz

Verschiedene Gebetszeiten und die Möglichkeit zu Pilates am Morgen gaben dem Seminar zusätzliche spirituelle Akzente. Seinen Abschluss fand das Grundlagenseminar in der Feier der Eucharistie.



Den Schlussimpuls bot das Misereorhungertuch von 2017 mit seinem Begegnungsaspekt.

Meditationsimpuls zum Misereor-Hungertuch 2017:
Download (pdf)



Das Bild beschreibt, was Dr. Krijn Pansters eine „Begegnungsspiritualität“ nannte. Nachdem sich das Grundlagenseminar 2016 mit dem Islam und dem interreligiösen Dialog befasste, bot das Seminar 2019 wichtige Ergänzungen in Richtung Kulturdialog. Beide Aspekte sind miteinander verknüpft und nicht voneinander zu trennen.

Text und Bilder:
Br. Stefan Federbusch

  zurück zur Übersicht    Seitenbeginn  

Datenschutzerklärung   Letzte Aktualisierung: 04.04.2019 10:41