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Abschied von Köln Vingst
Viele Brüder waren am 22. September in die Pfarrkirche St. Theodor in Köln-Vingst gekommen, um gemeinsam mit Bruder Markus Fuhrmann, der 9 Jahre als Wohnungslosen-Seelsorger in GUBBIO gearbeitet hat nun den endgültigen Abschiedsgottesdienst zu feiern. Darunter auch diejenigen, die zusammen mit ihm eine Zeit lang in der Fraternität gelebt und gearbeitet haben.


Bereits am 4. September feierte der Franziskaner gemeinsam mit Weihbischof Ansgar Puff, Stadtdechant Robert Kleine und den Wohnungslosen in GUBBIO eine Messe zum Abschied. Mit dem Scheiden von Bruder Markus wird die Präsenz der Franziskaner in Köln zum Ende kommen. Das franziskanische Anliegen, Menschen in Not mit Rat und Tat zur Seite zu stehen bleibt aber bestehen. Auch künftig werden bedürftige Menschen in Gubbio seelsorglich betreut und freundlich aufgenommen werden. In den nächsten Tagen wird Bruder Markus in das Provinzialat nach München umziehen, um dort seine Aufgaben in der Provinzleitung wahr zu nehmen.

„Mitten auf der Straße Gott begegnen“
Interview mit Bruder Markus über seine Zeit als Wohnungslosenseelsorger in Köln.


Lesen Sie das folgende Interview von Bruder Markus.


Der Franziskaner Bruder Markus Fuhrmann wechselt von Köln nach München. Foto von Silvia Bins

Nach rund neun Jahren in der Katholischen Wohnungslosenseelsorge Köln wurde am 4. September der Franziskaner Bruder Markus Fuhrmann verabschiedet. Er übernimmt in wenigen Wochen eine neue Aufgabe in der Ordensleitung in München. Sein Nachfolger auf Zeit ist prominent: Weihbischof Ansgar Puff wird sich künftig regelmäßig im GUBBIO, dem vom Stadtdekanat Köln getragenen Zentrum der Katholischen Wohnungslosenseelsorge in der Ulrichgasse, engagieren. Zum Abschied feierten er und Stadtdechant Robert Kleine mit Bruder Markus, seiner Kollegin Schwester Christina Klein und vielen Gästen einen Gottesdienst im GUBBIO.

„Sie sehen ja gar nicht aus wie ein Priester!“ Wenn Bruder Markus diesen Satz hört, ist das als Kompliment gemeint. Der 48-jährige Franziskaner trägt im Winter einen roten Anorak, Jeans und zivile Alltagskleidung, im Sommer ist er auch schonmal in T-Shirt und Bermudas unterwegs, in der Stadt bevorzugt flott auf dem Rad. Typisch für die franziskanische Bodenständigkeit sind aber die Sandalen und der schwarze Holzring, der für die Solidarität mit den Armen der Welt steht.

Für viele Wohnungslose, ehemalige Obdachlose und Bedürftige ist Bruder Markus nicht nur ein vertrauter Mensch, sondern einer, dem sie vertrauen. Sie wissen, dass er jeden Menschen so annimmt, wie der- oder diejenige ihm begegnet. Und auch die Armen, die kaum noch Kraft haben und alleine nicht mehr mit ihrem Leben zurechtkommen, finden bei Bruder Markus und den anderen in der Wohnungslosenseelsorge Tätigen Annahme, Rat und Hilfe. Lange Jahre hat Bruder Markus mit Schwester Franziska Passeck zusammengearbeitet, bis diese schwer erkrankte und 2018 starb. Seit diesem Jahr ist er im GUBBIO sowie auf den Straßen und Plätzen der Stadt mit der Olper Franziskanerin Schwester Christina Klein unterwegs.

„Aufsuchende Seelsorge“ heißt es in der Fachsprache, wenn Seelsorger wie Bruder Markus die Menschen dort treffen, wo sie sich aufhalten. In der Sprache des christlichen Glaubens heißt dies schlicht Nächstenliebe. Außer auf der Straße ist das GUBBIO-Team nicht nur im eigenen Haus regelmäßig für die Menschen von der Straße da, sondern auch bei der Suppenküche am Appellhofplatz, die 1990 von der Emmaus-Gemeinschaft für Wohnungslose und Bedürftige gegründet wurde. Abends bekommen Bedürftige hier eine warme Mahlzeit, ein heißes Getränk sowie bei Bedarf und für leichtere Fälle medizinische Versorgung. Daneben gibt es als Angebot für die, die dafür schon bereit sind und es annehmen können, Rat und Hilfe. Bruder Markus und Schwester Christina sind als Seelsorger und Menschen, die ein offenes Ohr haben, dabei. „Wir wollen einfach für die Menschen da sein und sie vielleicht zum nächsten Schritt ermutigen“, sagt Bruder Markus.

Begegnung auf Augenhöhe

Von Anfang an gab es in der Wohnungslosenseelsorge auch ein geistliches, seelsorgliches Angebot für die Wohnungslosen und ehemaligen Wohnungslosen. Sie kamen zuerst zu den Franziskanerinnen, die mit der Arbeit begonnen hatten, und später ins GUBBIO, das Zentrum der Katholischen Wohnungslosenseelsorge im ehemaligen Franziskanerkloster. Regelmäßig wird bis heute zusammen Gottesdienst gefeiert. Dazu kamen Nachmittage mit Programm, etwa mit Vorträgen. „Doch in den letzten Jahren wurde die Not bei vielen so akut“, erzählt Bruder Markus. „da geht es nur noch um das Existenzielle: Schlafsack, Essen, Trinken. Und es ist für viele schön, wenn da einfach mal ein offenes Ohr und offene Arme sind und ich erst einmal so da sein darf.“ Seine Offenheit und Unvoreingenommenheit hat Bruder Markus bei vielen beliebt gemacht. Im Gottesdienst dankte Stadtdechant Robert Kleine Bruder Markus für seine Arbeit. „Bruder Markus war wirklich ein Schatz für unsere Stadt“, so Kleine. „Es war auch für mich immer wieder sehr bereichernd, von den Erfahrungen zu hören, über die Bruder Markus berichtet hat.“ Was den Franziskaner ausgezeichnet habe, sei die Begegnung mit den Menschen auf Augenhöhe, betonte der Stadtdechant. „Das dürfen wir eigentlich nie in der Seelsorge, dass wir den Menschen von oben herab begegnen. Und das ist Ihnen wunderbar gelungen“, wandte sich Kleine an Bruder Markus.

Bruder Markus, 1971 in Hannover geboren, zog es schon früh in die Sozialarbeit. Schon den Zivildienst absolvierte er in einer psychiatrischen Einrichtung. Nach dem Theologiestudium und dem Eintritt in den Orden folgten Praktika und Mitarbeit in sozialen Bereichen wie der Aidshilfe, Gefängnisseelsorge, Bahnhofsmission oder Straßenambulanz. Bruder Markus entschied sich dann noch Sozialarbeit zu studieren. Sein Berufsanerkennungsjahr absolvierte er seinerzeit im „Rochus“, einer Kontakt- und Beratungsstelle für wohnungslose Menschen in Köln-Ehrenfeld. Seit 2010 war er im GUBBIO tätig. Neben seiner seelsorglichen und sozialen Arbeit engagiert sich Bruder Markus im Orden in den Bereichen Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung sowie Mission und Evangelisierung.

Um Pfingsten dieses Jahres wurde Bruder Markus zum Provinzialvikar gewählt und ist damit Stellvertreter des Provinzials, des Oberen der Deutschen Franziskanerprovinz. Schon seit einigen Jahren war er in der Ordensleitung tätig. Ende September will er nun seine Kisten verladen und nach München umziehen. Von dort aus wird er mitarbeiten an der Zukunft des Franziskanerordens und an neuen Projekten, wie einer interreligiösen Citypastoral und einer Art freiwilligem sozialem Jahr in Europa. Und natürlich wird er sich auch in München ein soziales Projekt suchen, um den Kontakt zu den Menschen nicht zu verlieren. „Nicht, dass ich am Ende nur noch am Schreibtisch oder im Zug sitze“, sagt er.


Geschenk und Gnade Abschied im Gottesdienst (v.li.n.re.): Weihbischof Ansgar Puff, Bruder Markus Fuhrmann, Stadtdechant Robert Kleine.
Foto von Freiwald / Stadtdekanat Köln


Was bleibt für ihn von seiner Arbeit mit den Wohnungslosen und den Armen von Köln? „Das sind die Menschen“, sagt Bruder Markus. „Ganz viele Gesichter und Geschichten und Momente, die ich jetzt zurücklasse.“ Wie den Moment mit Adi, der ihm am Appelhofplatz aus seinem Leben erzählte, plötzlich feststellte: „Mensch, du hast ja gar nichts zu essen“ und sein Brot mit Bruder Markus teilte. „So etwas ist ein eucharistischer Moment, das hätte ich mir vorher nie träumen lassen“, sagt Bruder Markus. „Solche Augenblicke sind ein Geschenk und eine Gnade. Die sind besonders kostbar.“

In seiner Abschiedspredigt dankte Bruder Markus dann auch den Menschen, denen er bei seiner Arbeit begegnet ist. Er habe vieles gelernt: sich selbst noch einmal neu anzunehmen, die Grenzen des anderen zu sehen und zu respektieren, worauf es wirklich ankomme im Leben. „Das, was uns wirklich reich macht, ist die Freundschaft“, so der Franziskaner. „Ich danke euch dafür, dass ihr mir vieles beigebracht habt. Das war ein Stück Menschwerdung.“

Manche Menschen von der Straße hat Bruder Markus bis zu ihrem Tod begleitet, viele intensive Lebensgeschichten gehört. „Das alles war auch ein Weg zum Leben, auch zu meinem Leben“, sagt er. Eines ist dem Franziskaner ganz deutlich geworden in all der Zeit: „Du kannst mitten auf der Straße Gott begegnen.“ Als Nachfolger auf Zeit stellte Stadtdechant Robert Kleine im Gottesdienst Weihbischof Ansgar Puff vor. Er wird sich künftig regelmäßig im GUBBIO engagieren, bis die Stelle von Bruder Markus wieder besetzt werden kann. Dazu gehört es, den Gottesdienst zu feiern, als Gesprächspartner und Seelsorger da zu sein und an Nachmittagsangeboten des GUBBIO teilzunehmen. Viele Mitglieder der GUBBIO-Gemeinde kennt der Weihbischof bereits, seit er eine Rom-Wallfahrt der Gemeinde begleitet hat. Zu seiner Motivation erklärte Puff im Gottesdienst hemdsärmelig: „Ich mache verdammt viele Sachen, die für einen Priester eigentlich Schwachsinn sind, ich sitze in so vielen Sitzungen, wo ich denke: Wofür mache ich das? Und deshalb habe ich gesagt: Ich lasse etwas von dem unwichtigen Kram weg und bin lieber hier bei euch im GUBBIO!“ Und unter dem tosenden Applaus der Gemeinde erklärte Puff dann: „Ich bin nicht der Weihbischof, ok? Ich bin der Ansgar.“

Benannt ist das Zentrum der Katholischen Wohnungslosenseelsorge Köln, das GUBBIO, nach einer Legende um den heiligen Franz von Assisi (1181/2-1226). Er soll in der italienischen Stadt Gubbio die Einwohner vor einem wilden, hungrigen Wolf beschützt haben, der alle so in Schrecken versetzte, dass sie sich nicht mehr vor die Stadtmauern trauten. Nachdem Franz, auch Franziskus genannt, mit dem Wolf gesprochen hatte, vermittelte er einen Friedensschluss zwischen den Menschen und „Bruder Wolf“: Dieser verschonte und schützte daraufhin die Einwohner und ihre Tiere, wofür sie ihn regelmäßig mit Nahrung versorgten.

Hildegard Mathies, www.katholisches.koeln

Dieser Text erschien am 5. September 2019 auf der Internetseite des Katholischen Stadtdekanat Köln.

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