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Papst: Dienstbarkeit nein, Dienst ja
Der Missbrauch von Ordensfrauen in der katholischen Kirche ist ein schweres Problem, auch in Form von Macht- und Gewissensmissbrauch. Das sagte Papst Franziskus am 10. Mai 2019 rund 850 Ordensoberinnen aus aller Welt, die er im Vatikan empfing. Im Gespräch mit ihnen erklärte er sich dazu bereit, in drei Jahren an der nächsten Vollversammlung der Generaloberinnen teilzunehmen, was eine Neuheit wäre. Sollte er nicht mehr am Leben sein, bat er die Oberinnen, so mögen sie die Einladung an seinen Nachfolger richten.


Der Dienst von Ordensfrauen solle wirklich Dienst sein und nicht Dienstbarkeit, wiederholte Franziskus eine Aussage, die er bereits mehrmals getroffen hatte. „Du bist nicht Ordensfrau geworden, um Haushälterin eines Klerikers zu sein: nein. Alle zusammen: Dienstbarkeit nein, Dienst ja. Du arbeitest in einem Dikasterium, als Verwalterin einer Nuntiatur, das ist in Ordnung. Aber Haushälterin – nein.“ Noch nicht überall in der Kirche ist diese Haltung nach Einschätzung von Papst Franziskus angekommen: „Helfen wir uns gegenseitig“, bat er die Ordensoberinnen.

Was die Frage des sexuellen Missbrauchs anbelangt, sagte der Papst den Oberinnen, einige Opferverbände seien unzufrieden mit den Ergebnissen des vatikanischen Kinderschutzgipfels im Februar gewesen. „Ich verstehe sie, weil sie innerlich leiden“, erklärte Franziskus. „Ich habe gesagt, hätten wir 100 des Missbrauchs schuldige Priester auf dem Petersplatz aufgehängt, wären alle zufrieden gewesen, aber das Problem wäre nicht gelöst. Die Probleme im Leben werden mit Prozessen gelöst, nicht indem man Raum besetzt.“ Das Problem des Missbrauchs könne in der Kirche nicht von einem Tag auf den anderen gelöst werden, aber der Prozess sei begonnen.

Mit Spannung erwartet worden war das Treffen zwischen Papst und Generalsuperiorinnen vor allem deshalb, weil bei ihrer letzten Begegnung vor drei Jahren die Rede auf den Frauendiakonat gekommen war. Franziskus setzte eine Kommission ein, die den historischen Dienst von Diakonissen in der frühen Kirche untersuchte und somit die Grundlage für eine Entscheidung darüber erarbeiten sollten, ob der Frauendiakonat in Zukunft wiedereingeführt werden könnte. Das Gesamtergebnis der Kommission sei „kein großer Wurf“, sagte der Papst den Oberinnen an diesem Freitag geradeheraus. Die zwölf Mitglieder hätten sich am Ende nicht einigen können, „jeder hatte eine eigene Vorstellung“. Ihm lägen auch die persönlichen Einschätzungen der Kommissionmitglieder vor, einige fortschrittlicher, die anderen traditioneller. „Man muss das studieren, denn ich kann kein sakramentales Dekret machen ohne eine theologische, historische Grundlage.“ Er werde das Dokument der Frauendiakonats-Kommission der Vorsitzenden der Vereinigung der Ordensoberinnen, Carmen Sammut, überreichen. Sollte jemand an den Einzeleinschätzungen der Kommissionsmitglieder interessiert sein, könne er sie zur Verfügung stellen, so Franziskus.

Versuchen zu verstehen, was die Menschheit heute braucht

Die deutsche Generaloberin Schwester Katharina Ganz führte die Frage nach dem Diakonat weiter und wollte vom Papst wissen, welche Antworten sich heute, im 21. Jahrhundert, auf das Verlangen vieler Frauen finden ließen, die dem Volk Gottes „mit denselben Rechten dienen“ wollten. Es sollten „nicht nur historische und dogmatische Quellen“ herangezogen werden, „versuchen wir zu verstehen, was die Menschheit heute braucht, von den Frauen, von den Männern, vom ganzen Volk Gottes“.


Sr. Katharina Ganz [Bildnachweis: vatican.va]

Franziskus antwortete, die Kirche könne nicht die Offenbarung verändern, wohl aber entwickle sich die Offenbarung mit der Zeit. „Und wir verstehen mit der Zeit den Glauben besser“. Deshalb „müssen wir im Fall des Diakonats nachforschen, was am Ursprung der Offenbarung war, und wenn da etwas war, es wachsen lassen, und dann soll es auch ankommen; wenn da nichts war, wenn der Herr dieses Amt nicht wollte, dann geht der sakramentale Dienst für die Frauen nicht.“ Aus diesem Grund brauche es den Rückgriff auf die Geschichte und auf die Dogmatik. „Die Kirche ist nicht nur der Denzinger“, hielt der Papst fest, das Lehrbuch sei hilfreich, „weil die ganze Dogmatik drinsteht, aber wir müssen andauernd wachsen“. Als Beispiel verwies Franziskus auf die Haltung der katholischen Kirche zur Todesstrafe. „Hat sich die Kirche verändert? Nein: das moralische Bewusstsein hat sich weiterentwickelt. Eine Entwicklung.“

Zu Beginn der Audienz holte der Papst die Präsidentin der Ordensoberinnen-Vereinigung zu sich aufs Podium, sodass beide nebeneinander am Tisch saßen. Franziskus ließ dabei eigens seinen gepolsterten Sessel gegen einen einfacheren austauschen. Am Ende der Audienz erklärte er, er wolle an der nächsten Vollversammlung der Ordensoberinnen teilnehmen. „Wenn ich am Leben bin, gehe ich hin“, sagte der Papst unter dem Applaus der Superiorinnen. „Und im gegenteiligen Fall erinnert meinen Nachfolger daran. Er soll dasselbe tun.“

Gudrun Sailer - Vatikanstadt (vatican news)

Quelle: www.oberzell.de


Schwester Katharina und die schlechten Witze des Papstes
Die Generaloberin der Oberzeller Franziskanerinnen über ihre Audienz in Rom


Dieses Bild ging durch die Medien: Schwester Dr. Katharina Ganz (48), Generaloberin der Oberzeller Franziskanerinnen, steht im Audienzsaal des Vatikans und stellt Papst Franziskus spontan eine Frage. In den sozialen Netzwerken sorgte seine Antwort für viele Kommentare. Im Gespräch schildert Schwester Katharina, wie sie es empfand.


Schwester Katharina Ganz, Generaloberin der Oberzeller Franziskanerinnen, bei der Papstaudienz am 17. Mai.
[Screenshot Vatican Media]


Frage: Was war der Anlass für Ihre Papstaudienz?
Sr. Katharina: 850 Generaloberinnen aus aller Welt trafen sich vom 6. bis 10. Mai in Rom zu ihrer Mitgliederversammlung. Dies ist alle drei Jahre der Fall. Zum Abschluss des Treffens gibt es immer eine Audienz beim Papst. Eigentlich wäre ich gar nicht dabeigewesen. Warum? Sr. Katharina: Ich musste abreisen. Am Samstag hatten zehn Schwestern von uns ihr Professjubiläum. Aber dann habe ich mich doch entschieden mit zur Audienz zu gehen so lange es mir möglich ist. Ich schätze Papst Franziskus sehr. Und ich war neugierig. Eigentlich müsste der Papst ja ein Befürworter der Aktion 'Maria 2.0' sein. Er hat uns Ordensfrauen wiederholt gebeten, uns in den Dienst der Kirche zu stellen - aber uns nicht zu Bediensteten von Priestern und Bischöfen zu degradieren.

Hatten Sie eingeplant, sich zu Wort zu melden?
Sr. Katharina: Das war spontan. Papst Franziskus meinte, er hätte eine Rede vorbereitet, aber er wolle sich viel lieber mit uns unterhalten. Wir könnten ihm Fragen stellen. Da war ich wie elektrisiert und dachte: Jetzt oder nie. Ich war unglaublich aufgeregt und so nervös, dass ich mich nicht einmal mit Namen vorgestellt habe, wie das eigentlich üblich ist.

Welche Frage haben Sie ihm gestellt?
Sr. Katharina: Zuerst habe ich gesagt: 'Bruder Franziskus, ich bin Franziskanerin wie Sie.' Der Papst ist Jesuit. Aber ich wollte auf seine Gesinnung anspielen. Er hat den Namen Franziskus gewählt und lebt vor, was zutiefst franziskanisch ist. Das war mein Einstieg, wenn auch sachlich falsch. Anschließend habe ich eine Bitte an ihn gerichtet. Er möge die Kommission, die er im Sommer 2016 berufen hat und die die Frage nach der Weihe von Diakoninnen untersucht, nicht nur historisch und dogmatisch arbeiten lassen. Sie sollte pastoraltheologisch an das Thema herangehen aufgrund der Erfordernisse in der Kirche und Welt des 21. Jahrhunderts. Diese Frage stellte ich ihm, weil der Papst einige Tage zuvor bei der Pressekonferenz sagte, dass sich die Kommission zerstritten habe, ob das Diakoninnenamt in der alten Kirche mit einer sakramentalen Weihe verbunden war - oder mit einer Weihe beziehungsweise Segnung, wie sie der Abtissinnenweihe entspricht. Als wir Ordensfrauen das aus den Medien erfuhren, dachten wir: Mein Gott, darum geht es uns doch gar nicht.

Um was geht es den Ordensfrauen?
Sr. Katharina: Es geht uns Frauen und Ordensfrauen um die Frage, welche Positionen und welche Ämter sie heute in der katholischen Kirche haben könnten oder haben sollten aufgrund der pastoralen Notwendigkeiten in unserer Zeit und Welt. Wir brauchen Frauen und deren Autorität auf allen Ebenen der katholischen Kirche. Wir repräsentieren mindestens die Hälfte der katholischen Gläubigen.

Was hat der Papst geantwortet?
Sr. Katharina: Der Papst sagte, dass er vorangehen möchte und alles in Bewegung sei. Aber man müsse die Offenbarung beachten. Wobei ich meine: Die Offenbarung zeigt sich nicht nur in der Bibel und in der Tradition und Lehre der Kirche, sie zeigt sich auch in der Erfahrung der Gläubigen. Aber ich fand es unbotmäßig, noch einmal nachzuhaken. Dann hat Franziskus noch gesagt, dass man es respektieren müsse, wenn Jesus keine sakramentale Weihe für Frauen gewollte habe. Dazu kann ich nur sagen: Jesus hat überhaupt niemanden geweiht. Jesus hat weder Männer noch Frauen geweiht. Jesus hat die zwölf Apostel und andere Jünger und Jüngerinnen in seine Nachfolge berufen. Heute beruft sich die kirchliche Hierarchie auf diesen männlichen Apostelkreis. Aber man kann die Ordination nicht direkt an Jesus festmachen. Die Sakramentalität der Weiheämter ist etwas historisch Gewachsenes. Ich finde, der Papst hat sich an dieser Stelle unklar ausgedrückt.

Wird der Papst Ihrer Bitte entsprechen?
Sr. Katharina: Das kann ich nicht absehen. Ich glaube, dass enorme Kräfte gegen Papst Franziskus und seine Reformen arbeiten. Und die sind, was die Frauenfrage betrifft, sehr, sehr groß im Vatikan.

Sind Sie also eher enttäuscht?
Sr. Katharina: Enttäuscht bin ich nicht. Geärgert habe ich mich über einen schlechten Witz, den der Papst am Schluss gemacht hat. Er sagte: "Dass die Kirche im Wachsen ist und sich vieles bewegt, das sieht man ja auch an Ihnen, Früher waren Sie alle eingepackt in Ihren Habiten. Heute ist es ein buntes Erscheinungsbild." Das hat er mit Gesten untermalt. In der Änderung des Outfits zeigt sich also, dass sich was ändern kann. Oft geht es im Umgang mit Frauen um das Äußere. Dann muss man nicht auf Inhalte eingehen. Das empfinde ich als kränkend. Insgesamt habe ich aber einen eher positiven Eindruck mit nach Oberzell genommen - obwohl der Papst noch einen weiteren äußerst unglücklichen und schlechten Witz gemacht hat.

Wohl die Bemerkung, die durch die sozialen Medien ging ...
Sr. Katharina: ... und dort für Empörung gesorgt hat. Der Papst beendete seine Antwort auf meine Frage sinngemäß mit folgen Worten, und hat dabei gelacht: 'Sie sind doch katholisch, da müssen wir doch die Offenbarung mitbedenken. Und wem das nicht passt, der kann ja gehen und eine neue Kirche gründen.' In den Medien hat sich leider alles darauf konzentriert. Dabei hat der Papst auch eine sehr noble Geste gemacht.

Der Papst als Gentleman?
Sr. Katharina: Da muss ich etwas ausholen. Bei unserem letzten Treffen in Rom stand in der Audienzhalle vorne auf dem Podest ein weißer großer Sessel für den Papst, daneben weitere Sessel, auf dem zwei Staatssekretäre Platz nahmen.

Was war heuer anders?
Sr. Katharina: Dieses Mal stand ein Tisch auf der gleichen Ebene, also unten, wo wir Ordensfrauen saßen, dazu ein Stuhl mit niedriger und ein Polstersessel mit hoher Lehne für den Papst. Der Papst ließ seinen Stuhl austauschen. Schwester Carmen Sammut, die Präsidentin der UISG, der Internationalen Vereinigung von Generaloberinnen, und der Papst saßen also auf gleichen Stühlen - sie zur Rechten des heiligen Vaters. Was für ein Bild. Das fand ich eindrucksvoll. Ich habe diese Geste als sehr geschwisterlich und wertschätzend erlebt.

Das Gespräch führte Christine Jeske, Main-Post

Quelle: Main-Post

Quelle: www.oberzell.de

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