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Brief an die heilige Corona
Derzeit entfallen alle Veranstaltungen der INFAG aufgrund der staatlichen Schutzmaßnahmen zur Eindämmung der Corona-Pandemie. Die Bildungshäuser sind geschlossen, auch die Feier von öffentlichen Gottesdiensten ist untersagt.

Es entwickeln und zeigen sich neue Formen der Solidarität und des (virtuellen) Miteinanders.

Die bis dato völlig unbekannte heilige Corona rückt ins Rampenlicht der Öffentlichkeit. Der Franziskaner Helmut Schlegel hat ihr einen Brief geschrieben…


Brief an die heilige Corona

Liebe heilige Corona!

Schon seltsam, dass ich dich durch ein bösartiges Virus kennengelernt habe. Bisher wusste ich gar nicht, dass es dich gibt. Eine WhatsApp mit Bild und Text klärte mich auf: Du bist eine frühchristliche Märtyrin und wirst unter anderem als Patronin des Geldes und der Schatzgräber verehrt.
Tatsächlich haben viele Menschen jetzt Geldsorgen. Das Corona-Virus bringt Gastwirte, Einzelhändler, Handwerker, Unternehmer und viele andere in existentielle Nöte. Ihre Sorgen kann ich gut verstehen, aber ich hoffe weniger auf ein Wunder als vielmehr auf großzügige und unbürokratische Hilfen für die Betroffenen.
Allerdings wäre es falsch, nur die Politik in die Pflicht zu nehmen. In dieser Krise ist das Zusammenstehen aller gefragt. Jedenfalls sind Solidarität und Rücksicht hilfreicher als zum Beispiel egoistische Hamsterkäufe. Es grenzt an eine Realsatire, dass bei uns in Deutschland ausgerechnet das Klopapier ausgeht.



Toll, was ich gelesen habe: Vielerorts erklären sich Jugendliche und junge Erwachsene bereit, kranke Menschen und solche in Quarantäne zu unterstützen - unter anderem, indem sie für diese einkaufen oder mit ihnen telefonieren. Ich bin sicher, die jugendliche Solidarität freut dich, liebe heilige Corona. Auch du hast bereits als Jugendliche unbeirrt deinen Glauben und deine Werte gelebt.
Ich werde dich nicht darum bitten, die Pandemie durch ein Wunder aus der Welt zu schaffen. Vieles liegt jetzt an uns selbst. Wir sollten vorsichtig und rücksichtvoll miteinander umgehen und das Virus meiden wie der Teufel das Weihwasser.
A propos Weihwasser: Ist es nicht verrückt, dass sich das Teufelszeug mit Namen Sars-CoV-2 auch in diesem heiligen Gewässer aufhält? Da hilft nur eines: einen großen Bogen drum machen!
Es soll ja Leute geben, die glauben, das Virus sei von Gott geschickt - als Strafe für gottloses Verhalten. Ich halte es lieber mit Jesus. Er lehrt: man kann den Teufel nicht mit Beelzebul austreiben. Will sagen: Gott hat es nicht nötig, das Böse mit dem Bösen zu besiegen.
Vor allem wir Älteren sind von diesem Virus bedroht, sagen die Experten. Und sie raten zu Recht, uns besonders in Acht zu nehmen.
Soviel Fürsorge und Achtung tut uns gut, offensichtlich gehören wir doch nicht zum alten Eisen. Wir werden unsererseits nicht vergessen, unsere Verantwortung für die Gesellschaft wahrzunehmen.
Hat die Corona-Zeit nicht auch ihre Chancen? - Ich habe mir ein paar Vorsätze gefasst. Zum Beispiel, in der freien Zeit wieder mal kräftig aufzuräumen. Altes und Überflüssiges zu entsorgen. Nicht nur alte Sachen in den Regalen und Schubladen. Auch alte Vorurteile und Überzeugungen gehören raus.
Veranstaltungen fallen aus, Sozialkontakte sollen gemieden werden. Ich werde viel Zeit zuhause verbringen. Das ist Zeit für mich. Ich kann nachdenken, Bücher lesen, die schon lange darauf warten, meditieren, beten. Diese ganz spezielle Fastenzeit eignet sich gut dafür.
Ich möchte angesichts der Corona-Krise hierzulande die weitaus größeren Probleme in der Welt nicht vergessen. Die Klimakrise und der Hunger in der Welt werden uns noch jahrzehntelang bedrängen. Das Schicksal der Menschen, die fluchtartig ihr Land verlassen müssen, weil sie um Leib und Leben fürchten, oder der an der Grenze Europas Gestrandeten kann uns auch in der Corona-Krise nicht kalt lassen.

Ein Letztes: Viele finden es schlimm, dass sogar die Gottesdienste abgesagt wurden. Mir hat ein Satz im Evangelium des 3. Fastensonntags geholfen. Jesus sagt zur Samariterin: „Glaube mir, Frau, die Stunde kommt, zu der ihr weder auf diesem Berg noch in Jerusalem den Vater anbeten werdet“, sondern „im Geist und in der Wahrheit“. (Joh 3, 23f.) Meine Gottesbeziehung ist also weder an bestimmte Orte noch an feste Rituale gebunden. Auch nicht an das Sonntagsgebot. Es gibt viele Möglichkeiten, die Freundschaft mit Gott zu pflegen. Gerade jetzt, da ich mehr Zeit habe. Gottes Geist und Wahrheit begegnen mir immer und überall.

Helmut Schlegel

17. März 2020

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