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Franziskaner verlassen Berlin – St. Ludwig
Am 30. August 2020 verabschiedeten sich die Franziskaner aus der Pfarrei St. Ludwig in Berlin-Wilmersdorf. 1986 hatten sie in der Berliner Innenstadtpfarrei die Seelsorge übernommen und St. Ludwig zu einem der profiliertesten Kirchorte in der Hauptstadt gemacht. Nun sagten sie trotz vieler Proteste aufgrund des Personalmangels Adieu. Mit dem Kloster und der Suppenküche in Pankow bleiben die Franziskaner aber in Berlin präsent.


Franziskaner aus Berliner Pfarrei Sankt Ludwig verabschiedet
Dank von Erzbischof Koch


Viel beachteter Wechsel in einer der profiliertesten katholischen Kirchengemeinden Berlins: In der Wilmersdorfer Pfarrei Sankt Ludwig verabschiedete Erzbischof Heiner Koch am Sonntag in einem Gottesdienst die Franziskanergemeinschaft.



Seit 1986 engagierte sich die Franziskanergemeinschaft dort und machte die Gemeinde über ihre Grenzen hinaus populär. Der Orden gibt die Leitung der Pfarrei wegen Personalmangels auf. Die vier Mitglieder der Niederlassung übernehmen zumeist neue Aufgaben an unterschiedlichen Orten in Deutschland.

Neuer Pfarradministrator von Sankt Ludwig wird zum 1. September Thomas Pfeifroth (54), der zuletzt in der Neuköllner Gemeinde "Bruder Klaus" Seelsorger war.

Proteste über die Pfarrei hinaus

Die Entscheidung zur Auflösung der Wilmersdorfer Franziskanergemeinschaft hatte über die Pfarrei hinaus Proteste ausgelöst. So warnte Kulturstaatsministerin Monika Grütters (CDU), die Mitglied der Kirchengemeinde ist, vor negativen Folgen für die katholische Seelsorge im Gebiet um den Kurfürstendamm. Vor der Corona-Krise feierte die Gemeinde an jedem Wochenende fünf Gottesdienste mit bis zu 2.000 Teilnehmern.

Dank von Erzbischof Koch

Bei der Verabschiedung dankte Erzbischof Koch den Franziskanern im Namen des ganzen Erzbistums. Er erinnerte daran, dass es auch bei der Übernahme der Seelsorge vor 34 Jahren durch den Orden Protestschreiben dagegen gegeben habe. Aus dem Engagement der Franziskaner sei aber "etwas ganz Großes" geworden. Koch rief die Gemeinde auf, die neuen Seelsorgerinnen und Seelsorger "mit ganzem Herzen" zu akzeptieren.
Der Leiter der deutschen Franziskanerprovinz, Cornelius Bohl, räumte ein, dass es für den Orden ebenfalls "kein schöner Abschied" sei. In Sankt Ludwig hätten viele junge Franziskaner ihre ersten pastoralen Erfahrungen gesammelt. In diesem Jahr habe sich der Orden aber auch von drei anderen Standorten zurückziehen müssen, an denen er teilweise schon seit Jahrhunderten präsent gewesen sei, betonte der Provinzial.

Der neue Administrator übernimmt die Pfarrei Sankt Ludwig in einer mehrjährigen Entwicklungsphase, die zum 1. Januar 2022 zu einer Vereinigung mit der benachbarten Gemeinde "Maria unter dem Kreuz" führen soll. Zu seinem Team gehören ein Kaplan, ein Diakon, ein Pastoralreferent, eine Gemeindereferentin und ein Kirchenmusiker. Die Niederlassung der Franziskaner in Berlin-Pankow mit einer Suppenküche bleibt nach Angaben des Ordens bestehen. Bundesweit hat er rund 260 Brüder in rund 35 Klöstern.
(KNA)

Quelle: www.domradio.de

28.08.2020 Bruder Damian Bieger
Abschied von der Gemeinde St. Ludwig in Berlin Wilmersdorf Trauer und Enttäuschung in der Gemeinde. Chance auf mutigen Neustart.

Am Sonntag werden die Franziskaner der deutschen Franziskanerprovinz den Auftrag zur Seelsorge an der Gemeinde St. Ludwig offiziell an das Erzbistum Berlin zurückgeben. Fast auf den Tag, vor 34 Jahren, am 31. August 1986 waren die Brüder eingeführt worden. Provinzialminister Cornelius hatte den Entschluss zum Rückzug aus St. Ludwig im letzten Oktober persönlich in den Sonntagsgottesdiensten den Gemeindemitgliedern mitgeteilt: Entsetzen, Bestürzung, Wut, tiefe Trauer, aber auch Verständnis für die Nöte und Entscheidung der radikal schrumpfenden Provinzgemeinschaft waren die Reaktionen.

Nach Monaten mit teilweise sehr emotional geführten Diskussionen und einem regen Medienecho in Zeitung und Radio, überwiegt bei aller Trauer mittlerweile die Erleichterung darüber, dass es auch nach den Franziskanern in St. Ludwig weitergehen wird. Das Erzbistum hat die Pfarrei mit Thomas Pfeifroth als Pfarrer, Frau Heike Jüngling als Gemeindereferentin und dem Jungpriester Thomas Kaiser als Kaplan gut nachbesetzt. Weil vom alten Pastoralteam auch noch Diakon Mark Teuber und Pastoralreferent Marcel Reuter bleiben, ist die Pfarrei sehr gut besetzt. Der Charakter eines vollkommenen Neustarts wird dadurch verstärkt, dass seit dem 1. Januar mit Jacobus Gladziwa ein junger, neuer Kirchenmusiker in St. Ludwig wirkt.


Die Brüder der Franziskanergemeinschaft in Wilmersdorf brechen auf an neue Orte: Br. Josef Schulte, Br. Damian Bieger, Br. Norbert Just, Br. Maximilian Wagner.

In den Wochen seit dem Ende der Sommerferien konnten im Rahmen von vielen Einzelgesprächen und Tagungen des neuen und des alten Teams das Haus St. Ludwig, die Geschäfte und Abläufe in der Pfarrei geordnet übergeben werden. Die Gemeindezeitschrift „Lilientreu“ bringt die aktuelle Stimmung wohl gut auf den Punkt: „Seien wir froh und dankbar für so Vieles, womit uns so mancher Franziskaner beschenkt hat, erinnern wir uns gerne an so viele Stunden, die wir mit ihnen verbringen durften und freuen wir uns gespannt auf all das Neue, das die `neuen` Geistlichen für uns bereit halten.“

Für die Brüder der bisherigen Gemeinschaft in St. Ludwig wird es so weitergehen:
Bruder Maximilian Wagner übernimmt nach einer viermonatigen Sabbatzeit ab Januar 2021 seine neue Aufgabe als Wallfahrtsrektor der Basilika Vierzehnheiligen (Erzbistum Bamberg) und als Guardian des dortigen Klosters mit acht Brüdern.
Bruder Damian Bieger zieht ins Franziskanerkloster nach Dortmund um, von wo aus er als Provinzbeauftragter für Geschichte und kulturelles Erbe der Deutschen Franziskanerprovinz in ganz Deutschland wirken wird.
Pater Norbert Just ist bereits Mitte Juli ins Kardinal-Bengsch-Heim in Berlin Charlottenburg umgezogen und gewöhnt sich dort langsam ein.
Pater Josef Schulte wird im Dominikanerkloster St. Paulus Heimat finden und nach einer Sabbatzeit in der Seelsorge punktuell in St. Ludwig aushelfen.

Quelle: https://franziskaner.net

30.08.2020 P. Dr. Cornelius Bohl OFM

„Schauen Sie nach vorne“!
Grußworte von Provinzialminister Cornelius Bohl anlässlich der Verabschiedung der Franziskaner von Berlin-St. Ludwig


Sehr geehrter Herr Erzbischof, liebe Schwestern, liebe Brüder, vor Jahren schon hat mir einmal ein Freund von seiner ersten Fahrstunde erzählt. Beim Abbiegen in eine kleine Seitenstraße, wo rechts und links Autos parkten, kam ihm plötzlich ein Fahrzeug entgegen. Er hatte das Gefühl, da nie durchzukommen, die Fahrbahn schien viel zu eng und er fürchtete, einen parkenden Wagen zu schrammen. Natürlich war genug Platz, ihm fehlte einfach noch das Gefühl für sein Auto. Der Fahrlehrer hat ihm damals gesagt: „Keine Angst, da kommen Sie gut durch. Aber schauen Sie dahin, wohin Sie wollen! Wenn Sie auf die parkenden Autos am Rand schauen, schrammen Sie am Ende wirklich einen Wagen. Also schauen Sie klar nach vorne, dann klappt es!“ Und natürlich hat es geklappt. Im entschiedenen Blick nach vorne ging alles gut.

Diese Geschichte kommt mir gerade heute in den Sinn. Wir Franziskaner verabschieden uns aus St. Ludwig. Abschiede sind selten schön. Und dieser Abschied ist es sicherlich ganz und gar nicht. Auch nicht für uns Brüder. Abschiede haben es an sich, dass sie den Blick nach hinten lenken, in die Vergangenheit. Wir blicken zurück auf das, was war und nun aufhört. Das stimmt normalerweise traurig, es kann lähmen und macht vielleicht sogar aggressiv. Wie hatte der Fahrlehrer gesagt? „Schauen Sie dahin, wohin Sie wollen!“ Ich weiß aus eigener Erfahrung: Wenn ich nur auf die Vergangenheit blicke, bleibe ich leicht in der Vergangenheit hängen. Wenn ich nach vorne will, muss ich auch nach vorne schauen. Das gilt nicht nur für die erste Fahrstunde. Wir alle erleben, in welch riesigen Umbrüchen und Veränderungen die Kirche in unserem Land steht. Allein wir Franziskaner in Deutschland haben uns dieses Jahr von vier Orten verabschiedet, die uns sehr wichtig und wertvoll und wo wir z.T. seit Jahrhunderten präsent waren: Neviges, Wiedenbrück, Halberstadt und heute nun St. Ludwig in Berlin-Wilmersdorf. Und wir werden weitere Niederlassungen schließen müssen, leider. Uns fehlen einfach die Brüder, die künftig all das weiterführen, was die Generationen vor uns aufgebaut haben.

Ganz sicher könnte jeder von uns erzählen, wie er solche Umbrüche und Abbrüche selbst erlebt, in der Gesellschaft gerade hier in der Hauptstadt, in der Erzdiözese, vielleicht in der eigenen Familie. Aber ich will hier nicht lamentieren. Es ist, wie es ist. Und gerade deswegen gilt: Wir sollten dorthin schauen, wohin wir wollen. Der Blick in die Vergangenheit, mag sie uns im Rückspiegel auch noch so golden erscheinen, eröffnet keine Zukunft. Wer nach vorne will, muss auch nach vorne schauen.

Nach vorne schauen! Ich freue mich, dass es in St. Ludwig so viele Frauen und Männer und junge Menschen gibt, die sich hier gerne engagieren und die Gemeinde lebendig erhalten, auch in Zukunft – im Pfarrgemeinderat und im Kirchenvorstand, in der Mitgestaltung der Liturgie, im Chor, in der „Singflut“ und der Gregorianik-Schola, im Caritas-Arbeitskreis, im Weltladen und in der Flüchtlingshilfe, im Jugendcafé oder der Theatergruppe. Ich freue mich, dass in den KITAS, in der Schule, im Schulhort, bei den Ministranten und den Pfadfindern so viele Kinder und Jugendliche positive Erfahrungen mit Kirche machen. Das geht auch heute! Und das geht auch morgen!

Ich freue mich, dass dieses Gotteshaus mitten in Berlin so viele Menschen auch von weiter her einlädt, hier Sonntag für Sonntag Eucharistie zu feiern und Gemeinschaft im Glauben zu erfahren. Und auch wenn wir Brüder heute gehen – ich freue mich mit Ihrer Gemeinde und danke Ihnen, sehr geehrter Herr Erzbischof, dass hier schon übermorgen, kaum dass der letzte Bruder von uns die Tür hinter sich geschlossen hat, ein neuer Pfarrer und ein neues Pastoralteam starten. Das ist in der heutigen Situation aus meiner Sicht ein halbes Wunder, zu dem ich Ihre Gemeinde nur beglückwünschen kann.

Was aber das Wichtigste ist bei diesem Blick nach vorne: Wenn wir wirklich Christen sind und es ehrlich meinen mit unserem Glauben, dann dürfen wir doch fest davon überzeugt sein, dass Christus mit uns in die Zukunft geht! Mit dieser Gemeinde, mit unserer Ordensgemeinschaft, mit der Kirche in unserem Land und gerade auch hier in Berlin, mit jedem ganz persönlich! Ich weiß nicht, wie unsere Ordensprovinz in 20 Jahren aussehen wird. Ich weiß auch nicht, wie St. Ludwig und der künftige pastorale Raum in 20 Jahren aussehen. Aber eines weiß ich: Es wird auch dann noch Frauen und Männer geben, die gerne ihre Taufe und ihren Glauben leben, weil sie erfahren: Christus geht mit uns! Nach vorne schauen: Eine Gemeinde lebt hoffentlich ja nicht allein vom Pater X oder vom Pfarrer Y oder von der Gemeindereferentin Z, sondern von vielen Frauen und Männern, die aus der Beziehung zu Christus heraus versuchen, das Evangelium zu bezeugen, die Verantwortung übernehmen und Kirche gestalten. Im Evangelium heute hieß es, dass die Jünger „hinter Jesus hergehen“. Wir gehen hinter Jesus her. Und das heißt doch: Er geht voraus. Er macht Zukunft auf. „Schauen Sie nach vorne, dann kommen Sie gut durch!“, hatte der Fahrlehrer gesagt.

Dürfen wir heute also gar nicht zurückschauen? Doch, zu einem Abschied gehört der Blick zurück dazu, das geht gar nicht anders. Aber nicht als lähmende Nostalgie, sondern als dankbare Erinnerung. Ich denke dankbar an die vielen Brüder, die hier seit 1986 gelebt und gearbeitet und in dieser Gemeinde und diesem Viertel etwas von ihrem Leben und von sich selbst investiert haben. St. Ludwig war ein guter Ort auch für uns, an dem z.B. auch junge Brüder ihre ersten pastoralen Erfahrungen machen konnten. Natürlich, wir Franziskaner haben unsere Begrenzungen und Macken, wie alle Menschen, und bleiben oft hinter unserem eigenen Anspruch und dem Anspruch des Evangeliums zurück. Und dennoch bin ich dankbar, dass wir für gut drei Jahrzehnte St. Ludwig franziskanisch prägen konnten. Ich bin dankbar für die vielen, vielen Menschen, die hier unser Leben geteilt, unsere Arbeit auf vielfältige Weise unterstützt und mit uns eine lebendige Gemeinde gestaltet haben. Ich bin dankbar für alle Unterstützung und Hilfe, die wir auch von Ihnen, Herr Erzbischof, und von der Erzdiözese erhalten haben. Gut drei Jahrzehnte haben unsere Brüder hier hoffentlich guten Samen ausgesät. Manches davon ist aufgegangen. Manches wird auch weiterblühen und auch künftig Frucht bringen.

Wer sich erinnert, schaut zurück. Wenn dies in Dankbarkeit geschieht, geht aber der Blick dabei wie von selbst nach vorne und macht Mut und Lust auf Zukunft. Nicht, weil alles so einfach wäre. Sondern weil Christus vorausgeht. „Wenn Sie nach vorne wollen, dann schauen Sie auch nach vorne!“, hatte der Fahrlehrer gesagt. Ich wünsche Ihrer Gemeinde, aber auch unserer Bruderschaft den Mut, zu diesem entschiedenen Blick nach vorne – und natürlich Gottes Segen!

Quelle. https://franziskaner.net



• Abschiedsgottesdienst der Franziskaner in Berlin-St. Ludwig: www.youtube

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