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Historischer Abschied
Am 12. Juli 2020 verabschiedeten sich die Franziskaner von einem für sie historischen Ort, von Halberstadt. Bereits 1223 waren dort die ersten Brüder eingetroffen. Außer der Zeit der Säkularisation war das Kloster fast durchgängig besiedelt. 1920 kehrten die Brüder zurück.

Nach einhundert Jahren und einer wechselvollen Geschichte nun also der endgültige Abschied von dem Ort, an dem Thomas von Celano seine Lebensbeschreibung des hl. Franziskus verfasste.


Franziskaner verlassen Halberstadt

Während der Reformation und der Säkularisation wurden die Franziskaner häufiger zwangsweise aus der Stadt vertrieben. Nun haben die Brüder Halberstadt „freiwillig“ verlassen. Dies in Anführungszeichen, da sie gerne geblieben wären, der personelle Rückgang aber zur Aufgabe verschiedener Standorte zwingt.


Das Franziskanerkloster St. Andreas in Halberstadt

Für die Franziskaner ist es der Ort mit der längsten Präsenz. Bereits 1221 kamen die ersten Brüder über die Alpen und zogen relativ schnell gen Norden. Bereits 1223 ließen sie sich in Halberstadt nieder. Zu den ersten Brüdern gehörte Rodeger (Rüdiger), der spätere geistliche Berater der hl. Elisabeth. 1230 wurde die Teutonia in eine rheinische und eine sächsische Provinz aufgeteilt, zu der Halberstadt mit Hannover, Hildesheim, Braunschweig und Quedlinburg gehörte.

Im 16. Jahrhundert kam es im Zuge der Reformation immer wieder zu Besetzungen des Klosters (etwa 1547 durch den Rat der Stadt), zu Verwüstungen (1563 und 1567) und Vertreibungen der Brüder. 1596 wird das Kloster Eigentum des Domkapitels. 1619 verfügt Christian von Braunschweig die Ausweisung der Franziskaner. Lediglich Johannes Tetteborn darf bleiben. Er stirbt 1626. 1627 erhielten die Brüder das Kloster durch kaiserliches Mandat zurück, mussten dann aber im 30jährigen Krieg vor den schwedischen Truppen fliehen. 1635 kehrten sie nach Halberstadt zurück.

1721 besteht der Konvent aus 30 Mitgliedern. Ein Teil der theologischen Studien findet jetzt hier statt. Zu Beginn der Säkularisation 1804 leben 35 Brüder in Halberstadt. 1810 wird vom König von Westfalen die Aufhebung des Klosters verfügt. 1813 schenkt er Kloster und Kirche der Stadt Halberstadt.


Abschiedsgottesdienst in Halberstadt

Es dauerte bis 1920, ehe die Franziskaner zurückkehren konnten und in St. Andreas die Pfarrseelsorge übernahmen. Die fast 700 Jahre alte Kirche wird im Zweiten Weltkrieg fast völlig zerbomt. Mit dem Wiederaufbau wird im April 1950 begonnen. Im Juni 1951 wird die Kreuzkapelle eingeweiht, im Oktober 1951 die Chor-Kirche. Ebenfalls 1951 wird mit dem Wiederaufbau des Klosters begonnen. Im September 1953 konnte es bezogen werden. Der Wiederaufbau der Kirche hatte sich zunächst auf den Chor beschränkt.

Erst 1981 wurde mit dem Kirchenschiff begonnen. Am 6. Oktober 1984 wurde der Neubau eingeweiht. 1994 wurden Pfarrhaus und Kloster renoviert. 1996 begann mit den Franziskanerinnen von Münster-Mauritz der Betrieb der Wärmestube. Am 18. Oktober 2009 wird im Zuge der Strukturreform des Bistums Magdeburg die neue Pfarrei St. Burchard gegründet. Die Franziskaner übernehmen weiterhin seelsorgliche Aufgaben in der Pfarrei.


Gedenktafel für Jordan von Giano in der Klosterkirche von Halberstadt

Am 8. September 2012 wird ein Festakt begangen: „750 Jahre Chronik des Bruders Jordan von Giano – eine ‚Halberstädter‘ Chronik“.


P. Alfons Nillies, Br. Michael Seidel und P. Ubald Hausdorf (v.l.n.r.)

Mit P. Ubald Hausdorf, Br. Michael Seidel (gehen nach Halle) sowie P. Alfons Nillies (zieht nach Paderborn) verlassen nun die letzten Franziskaner den geschichtsträchtigen Ort.


Bischof Dr. Gerhard Feige

Verabschiedet wurden sie in einem Gottesdienst, dem der Bischof von Magdeburg, Dr. Gerhard Feige, vorstand. In seiner Predigt ging er auf das Sonntagsevangelium ein, in dem Jesus vom Samen spricht, der ganz unterschiedlich aufgeht. Auch die Brüder haben viel an Samen ausgestreut, ohne zu wissen, welcher Teil davon aufgeht. Eingeleitet hatte er seine Predigt mit der Bemerkung: „In Messbüchern, Lektionaren und Benediktionalien gibt es Texte für hoffnungsvolle Anfänge, bedeutsame Jubiläen und erfolgreiche Abschlüsse – aber nicht zur Verabschiedung von Ordensleuten, schon gar nicht von einer Gemeinschaft, die sich schon seit fast 800 Jahren an diesem Ort befindet“. Neben vielen Erinnerungen blieben aber auch Trauer und Wehmut, so der Bischof. „Eine große Lücke wird bleiben. Ja, der Abschied ist schmerzlich: für Sie, liebe Brüder vom heiligen Franziskus, und vor allem auch für die vielen Menschen, für die Sie da waren, in der Pfarrei und weit darüber hinaus. Unermüdlich haben Sie – wie der Sämann im Gleichnis – den Samen ausgesät… In großer Geduld haben Sie Tag für Tag das Wort Gottes in der Zuwendung zu den Menschen ausgesät. Sie wussten, dass die hundertfältige Frucht nicht Ihr Werk ist, dass Sie aber dafür gebraucht wurden, die Grundlagen dafür zu legen. Dafür sei Ihnen von Herzen gedankt!“


Der Vorsitzende des PGR, Joachim Borgmann,
verwies auf die zum Abschied erstellte Chronik

Der Vorsitzende des Pfarrgemeinderates, Joachim Borgmann, dankte den Brüdern ebenfalls für ihr Engagement. „Uns verlassen liebgewordene Menschen, mit denen wir viel erlebt haben.“ Das Wirken der Brüder auf die Gläubigen der Pfarrei nimmt der PGR-Vorsitzende als Auftrag mit. „Wir werden versuchen, es weiter wirken und wachsen zu lassen.“

Auf die Ambivalenz des Abschieds wies auch Provinzialminister Cornelius Bohl. An einem Ort des Anfangs wie Halberstadt fällt es noch schwerer, sich zu verabschieden. Er stellte die Frage, ob sich aus der Geschichte etwas lernen lasse… und ließ sie bewusst offen. „Für uns Christen hat Geschichte eine Tiefendimension. Seit Gott in Jesus Christus in diese Geschichte eingegangen ist, ist Geschichte immer auch eine Herausforderung Gottes an uns. Wir können Geschichte nicht eigenmächtig gestalten, das merken wir gerade in diesen Zeiten. Aber wir müssen sie auch nicht nur ohnmächtig erleiden! Wir dürfen glauben, dass Gott uns in unsere Geschichte hinein sendet, dass er zu uns durch die Geschichte spricht und uns durch die Geschichte führt. Das macht unser Leben nicht einfacher und nimmt uns schwere Entscheidungen nicht ab. Aber es schenkt mir doch Vertrauen und gelassen-gläubige Zuversicht. Auch das ist eine Botschaft dieses Tages an uns.“


Provinzialminister Cornelius Bohl

Auch, ob die Brüder nach all der wechselvollen Geschichte jemals zurückkehren, könne zum jetzigen Zeitpunkt niemand sagen. Für die nächsten Jahrzehnte ist es angesichts der personellen Entwicklungen eher unwahrscheinlich. „Das ist schon fast grotesk: Halberstadt steht in der franziskanischen Tradition für den Anfang – und der heutige Tag markiert ein Ende. Halberstadt steht für das Kommen der ersten Brüder – und heute gehen die letzten…. Als Christen bleiben wir unterwegs, im Vertrauen auf einen Gott, der uns in die Herausforderungen unserer Zeit sendet und aus der Zeit heraus anspricht, Darum dürfen wir unseren Weg gelassen gehen und hoffentlich voller Dankbarkeit. Danke!“

Text und Bilder: Br. Stefan Federbusch

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Datenschutzerklärung   Letzte Aktualisierung: 16.07.2020 08:49