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Minoriten gehen nach Lage
Dass Ordensgemeinschaften neue Niederlassungen gründen, ist in Deutschland in der Gegenwart eher eine Seltenheit geworden. Die Franziskaner-Minoriten der Provinz St. Elisabeth haben sich nun bei einem Außerordentlichen Provinzkapitel am 20. September 2020 im Konvent Schwarzenberg zu genau solch einem Schritt entschlossen – 63 Jahre nach der letzten Klostergründung der deutschen Minoritenprovinz: 1957 war der Konvent Bonn wiedergegründet worden. Die Minoriten ziehen das im Sommer 2020 aufgelöste Kloster der kontemplativen Dominikanerinnen in der Kommende Lage (Gemeinde Rieste).


Die Franziskaner-Minoriten kommen nach Lage, Bistum Osnabrück

Dem Neuanfang vorausgegangen war die aktive Suche des Bistums Osnabrück mit seinem scheidenden Generalvikar Theo Paul nach einer Gemeinschaft, die das im Sommer 2020 aufgelöste Kloster der kontemplativen Dominikanerinnen in der Kommende Lage (Gemeinde Rieste) übernehmen würde.



Nach mehreren Vorgesprächen hat sich die Bistumsleitung schließlich entschieden, die Franziskaner-Minoriten offiziell einzuladen. – Mit dem einstimmig gefallenen Beschluss, in Lage den Konvent zu errichten, ist diese Einladung nun angenommen.



Die Franziskaner-Minoriten der Provinz St. Elisabeth planen den Konvent in internationaler Besetzung und damit auch als Zeichen für den Wunsch nach einer vertieften Zusammenarbeit mit anderen in Deutschland tätigen Ordensprovinzen der weltweiten Gemeinschaft. Als Hausoberer wird voraussichtlich Br. Bernhardin M. Seither, derzeit Guardian des Konvents Köln und von 2011 bis 2019 Provinzialminister, in den neuen Konvent im Bistum Osnabrück wechseln. Mit Br. Jesmond Panapparambil aus der Indischen Ordensprovinz steht auch ein zweiter Ordenspriester schon fest, der künftig zur Gemeinschaft in Lage gehören wird. Die Brüder – drei bis vier sollen es zum Jahresbeginn 2021 sein – werden Aufgaben in der Pfarr- und Wallfahrtsseelsorge übernehmen, sich aber vor allem dem Auftrag widmen, den traditionsreichen geistlichen Ort „Kommende Lage“ mit Leben zu füllen.



Die tiefe Verwurzelung der Wallfahrt zum „Lager Kreuz“ in der Bevölkerung soll weiter gepflegt werden – mit der Hoffnung, dass daraus auch eine Verwurzelung mit der neuen Ordensgemeinschaft in Lage entsteht. Der Konvent wird künftig auch in einem überschaubaren Rahmen für Gäste zu „Urlaub im Kloster“, „Kloster auf Zeit“ und Einzelexerzitien zur Verfügung stehen. Weitere Ideen und Projekte werden sich dann in den nächsten Monaten ergeben. Eine derzeit entstehende Homepage www.kloster-lage.de wird über Aktuelles berichten.



Zur Geschichte der Kommende Lage:

Die Geschichte der Kommende bzw. des Klosters Lage-Rieste ist eng mit dem im 11. Jahrhundert gegründeten Malteserorden verbunden. Die unter der ursprünglichen Bezeichnung Johanniterorden gegründete Ordensgemeinschaft entwickelte sich mit den Kreuzzügen des Mittelalters zu einem geistlichen Ritterorden, der seit seiner Präsenz auf Malta ab dem Jahr 1530 auch als Malteserorden bekannt ist. Als Kurfürst Joachim II. von Brandenburg sich der lutherischen Kirche anschließt, wird ein Zweig des Malteserordens im Jahr 1538 protestantisch. Beide Ordensteile, Malteser wie Johanniter, werden während der Säkularisation aufgelöst und enteignet – beiden gelingt aber auch nach einigen Jahren eine Wiederbelebung.

Die Malteser zählen heute 13.500 Mitglieder weltweit und kümmern sich vor allem um die caritative Unterstützung von alten und behinderten Menschen, Flüchtlingen und Leprakranken. Als „Kommende“ wurden in den Ritterorden die Niederlassungen (Konvente) innerhalb einer „Ballei“ (Provinz) bezeichnet. Graf Otto I. von Tecklenburg stellte Mitte des 13. Jahrhundert seinen Hof auf Lage für einen solchen Zweck zur Verfügung. Ab 1260 sind die Johanniter vor Ort urkundlich belegt. Bis zum Jahr 1341 steigt die Zahl der auf Lage lebenden Mitglieder auf 45 an. Zahlreiche Besitzungen im Umland gewährleisten die wirtschaftliche Existenz der Gemeinschaft, die bald die Zeit ihrer Blüte erreicht.

Das 14. Jahrhundert markiert den Beginn der Wallfahrt zum „Lager Kreuz“ – aber auch einen folgenträchtigen Überfall im Jahr 1384, von dem sich die Kommende nur mühsam erholen wird. Der Osnabrücker Fürstbischof Dietrich von Horne, der von 1376 bis 1402 amtiert, verlangt hohe Abgaben, die man sich zu zahlen weigert. Daraufhin lässt er die Gebäude verwüsten, was er später vermutlich bitter bereut: Denn nach einem langen Streit muss er schließlich für sein unrechtmäßiges Handeln den Schaden erstatten. Trotzdem kann die neue Kirche erst 1426 geweiht werden. 1491 sind dann nur noch 6 Mitglieder des Malteserordens in der Kommende. Nach der Reformation stellen sie eine kleine katholische Enklave inmitten eines überwiegend protestantisch gewordenen Umfelds dar. Der 30-jährige Krieg mit zeitweiliger Besetzung durch schwedische Truppen hinterlässt erneut schwere Schäden. 1648 müssen die Gebäude neu errichtet werden. Ab diesem Zeitpunkt fungiert die Kirche St. Johannes auch als Pfarrkirche für Lage-Rieste.

1810 wird die Kommende im Zuge der Säkularisation schließlich aufgehoben. Die Kommende Lage gelangt in den Besitz der Klosterkammer Hannover, einer Sonderbehörde des Landes Niedersachsen zur Verwaltung ehemaligen Kirchenguts. Diese verkauft die Anlage im Jahr 1964 an einen Privatmann, der auf Lage ein Hotel mit Restaurant errichtet. 1999 erwirbt das Bistum Osnabrück die Liegenschaft und siedelt dort nach einer umfassenden Renovierung eine Gemeinschaft von kontemplativen Dominikanerinnen an. Nach zwei Jahrzehnten löst sich diese Gemeinschaft im Sommer 2020 auf – und das Bistum Osnabrück lädt die Franziskaner-Minoriten ein, in der Kommende Lage-Rieste einen neuen Konvent zu gründen. Das Außerordentliche Provinzkapitel hat die Einladung am 20.09.2020 einstimmig angenommen und den Konvent Lage-Rieste zum 02.02.2021 gegründet.

Zu den Franziskaner-Minoriten:

Die Franziskaner-Minoriten bilden einen der drei großen franziskanischen Männerorden (Franziskaner OFM, Kapuziner OFM Cap., Franziskaner-Minoriten OFM Conv.). Die weltweit etwa 4.000 Brüder sind auf allen Kontinenten präsent. Zur deutschen Ordensprovinz, deren Geschichte bis in das Jahr 1221 zurückreicht, gehören derzeit 40 Mitglieder zwischen 30 und 90 Jahren. Darüber hinaus sind etwa 60 Brüder aus drei polnischen Provinzen und der rumänischen Ordensprovinz in Deutschland tätig. Die fünf Niederlassungen der deutschen Ordensprovinz befinden sich an den Orten Würzburg, Schönau (bei Gemünden), Schwarzenberg, Maria Eck (bei Siegsdorf) und Köln.

Andreas Murk OFMconv

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Datenschutzerklärung   Letzte Aktualisierung: 29.09.2020 20:51