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Paul Bösch verstorben
Am 23. April 2020 verstarb der schweizer Journalist Paul Bösch im Alter von 74 Jahren. Er war sieben Jahre Mitglied des Kapuzinerordens und hat sich zeitlebens mit dem hl. Franziskus beschäftigt. Sein Ziel war es, den „historischen“ Franziskus herauszuschälen. Bereits 2005 erschien sein Buch «Franz von Assisi – neuer Christus. Die Geschichte einer Verklärung». Später legte er die erste deutsche Übersetzung der lateinischen Franziskus-Verslegende des Heinrich von Avranches vor.


Franziskus entmystifiziert: Nachruf auf Paul Bösch

Vom Kapuziner zur «Tagi»-Institution: Der Journalist Paul Bösch ist letzte Woche mit 74 Jahren verstorben. Ein Leben lang war er von Franz von Assisi fasziniert. Und zwar am nüchternen Original, schreibt Michael Meier* in einem Gastbeitrag.

Paul Bösch hatte 22 Jahre lang für den «Tages-Anzeiger» über das lokale und regionale Geschehen berichtet. Bekannt wurde er mit seinen aufwändigen Recherchen über ungelöste Justizfälle, etwa über das Sprengstoffattentat auf das Haus von Regierungsrat Jakob Stucki. Unter dem Titel «Meier 19» schrieb er ein Buch über den grössten Skandal bei der Zürcher Stadtpolizei und seine juristischen Verästelungen. Es gelang ihm, den damals schuldig gesprochenen Polizisten Kurt Meier moralisch zu rehabilitieren.

Lateinlehrer, Pförtner, Schneider

Eigentlich hatte Bösch eine geistliche Karriere im Visier. Nach drei Jahren Theologiestudium trat er als junger Mann dem Kapuzinerorden bei. Er blieb bewusst Laienbruder, unterrichtete Latein und Griechisch, war auch als Pförtner und Schneider tätig. Da er im Orden die franziskanische Lebensform, die er suchte, nicht fand, trat er nach sieben Jahren, 1973, aus dem Kloster aus – nochmals ein Jahr später auch aus der katholischen Kirche.

«Franziskus und Jesus als Leitsterne»

Doch Franz von Assisi hat den späteren Vater von zwei Kindern nie losgelassen. «Franziskus und Jesus waren mir durch das ganze Leben (von Kindheit an) Leitsterne», schrieb er kurz vor seinem Tod an Bernd Schmies, den Leiter der Franziskanischen Forschungsstelle in Münster. Die wenigsten seiner Journalistenkollegen wussten, dass er während Jahrzehnten eine Unmenge von schriftlichen Quellen zu Franz von Assisi gesammelt hatte. Kaum im vorzeitigen Ruhestand holte er sie hervor, wertete sie aus, und zwar nicht nur die offiziellen Franziskus-Biografien von Thomas von Celano, vielmehr auch andere Schriften und die Sekundärliteratur.

Wundmale im Zentrum

Mit der gleichen Akribie, wie er als Journalist recherchiert hatte, grübelte er später über den Texten zum Poverello von Assisi. Immer mit dem Ziel, den wirklichen, den historischen Franziskus zu finden. Dabei wurde er gewollt oder ungewollt zum Entmythologisierer. Schritt für Schritt, Schicht um Schicht entblätterte er die Legenden, mit welchen die fromme Fantasie die wohl beliebteste christliche Gestalt neben Jesus überhöht, verklärt und vergöttlicht hatte. Für das religiöse Establishment, für die Ordensleitung der Franziskaner und die Päpste, standen die Wundmale im Zentrum des Verklärungsprozesses.

Franziskus als zweiter Christus

Die einfachen Brüder, Fratizellen genannt, machten ihn gar zu einem neuen Heiland, der Christus zum Verwechseln ähnlich war. Franziskus wurde zum zweiten Christus, der in den Drangsalen der Endzeit die Grundlage für eine neue Geistkirche abgeben sollte. Darum drängte es sich für Paul Bösch auf, sich zum historischen Franziskus ganz so vorzuarbeiten, wie die Exegeten in den Evangelien hinter der dogmatischen Übermalung den historischen Jesus von Nazareth freizulegen versuchen. Hier wie dort will die historisch-kritische Exegese unter dem Heiligenschein gläubiger Verklärung die ursprüngliche geschichtliche Figur wieder sichtbar machen.

Der Verklärung auf der Spur

Bösch ging freilich nicht so weit wie Luther und die Reformatoren, die solche «Francescolatria» als Abgötterei brandmarkten. Dennoch löste er in der Gemeinschaft der Forscher bisweilen Ärger aus. Das hiess freilich auch, dass der Journalist nun einer von ihnen war. Bereits 2005 erschien sein Buch «Franz von Assisi – neuer Christus. Die Geschichte einer Verklärung». Später legte er die erste deutsche Übersetzung der lateinischen Franziskus-Verslegende des Heinrich von Avranches vor. Er publizierte in Fachzeitschriften wie «Wissenschaft und Weisheit». Und reiste mit seiner Partnerin Verena Josephsohn an den Ort des Geschehens, nach Assisi.

Nüchterner – aber universeller

Ja, Paul Bösch hat den historischen Franz gefunden: «Franziskus zeigte sich mir in den meisten (aber nicht allen!) Belangen so, wie ich ihn mir schon immer vorgestellt habe: nüchterner als im landläufigen Bild, doch natürlicher, kräftiger, eigenständiger und universeller».

*Michael Meier ist Religionsexperte beim «Tages-Anzeiger». Er war ein Freund von Paul Bösch.

Die Übernahme dieses Artikels erfolgte mit freundlicher Genehmigung von www.kath.ch
© Katholisches Medienzentrum, 01.05.2020

Quelle: www.kath.ch

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