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Der franziskanische Weg zum Menschen von heute
Vom 20.-23. Oktober 2020 fand die alle zwei Jahre durchgeführte Tagung der Johannes-Duns-Scotus-Akademie im Exerzitienhaus Hofheim statt. Sie stand unter dem Titel: Der franziskanische Weg zum Menschen von heute. Sie bildete die Fortführung der Tagung von 2018, bei der es um den inneren Weg des Menschen ging.

Insgesamt neun Referentinnen und Referenten trugen dazu ihre Gedanken bei. Eine gelungene Mixtur aus Theorie und Praxis, aus Historie und dem Leben heute.


Den Einführungsimpuls gestaltete Johannes-Baptist Freyer OFM unter dem Motto: „Missionarisch unterwegs“. Er verdeutlichte den franziskanischen Universalismus gemäß dem Wort „Unser Kloster ist die Welt“ (Sacrum Commercium). Zunächst erläuterte er die Schritte bei Franziskus: die Begegnung mit Aussätzigen, sein gesellschaftlicher und sozialer Standortwechsel, seine Lebenskultur gemäß dem Evangelium, seine Sendung, seine Verkündigung des „salus“ (des Heils), seine Friedensbotschaft (anhand der Geschichte des Wolfs von Gubbio), seine Anteilnahme am Leben der Benachteiligten, das Leben der Geschwisterlichkeit. Des Weiteren griff er die Sicht von Bonaventura auf, der Franziskus als Engel und Herold des Friedens darstellt. Wichtig auch die eschatologische Komponente: Franziskus als Mann eines neuen Zeitalters und seine prophetische Grundhaltung als kritische Sicht der Welt und Verwirklichung einer Gegenwelt.

Den ersten Vortrag hielt Johannes Schlageter OFM „Über das Risiko, hinaus zu gehen – nach der Cronica Jordans von Giano“. Im kommenden Jahr ist das 800jährige Jubiläum der Ankunft der ersten Brüder in Deutschland. Einer von ihnen war Jordan von Giano, der die Freuden und Leiden der ersten rund 90 Brüder dokumentiert hat. Nachdem ein erster Anlauf aufgrund von Sprachschwierigkeiten scheiterte, gelang der zweiter Anlauf und die Brüder wanderten in kurzer Zeit bis in den Norden Deutschlands. Als Kehrseite des Erfolgs nannte der Referent die Degradierung der Laienbrüder. Ursprünglich dürften sie den Leuten die Bußpredigt halten und waren im Orden gleichberechtigt. Dann kam es zu einer zunehmenden Klerikalisierung, die bis ins 20. Jahrhundert anhielt.

Der zweite Vortrag von Sr. Carola Thomann FCJM widmete sich der Geschichte der Gründerin der Franziskanerinnen von Salzkotten, Mutter Clara Pfänder. Unter dem Wort von ihr „Wir haben nichts und haben doch alles“ zeichnete sie ihr Leben für die Kirche, mit der Kirche, in der Kirche nach. Ebenso ihr Leiden durch die Kirche, da die Gründerin selbst zur verfolgten Kirche wurde.
Bischof Konrad Martin hatte ihr eine Geheimvollmacht mit Schweigegebot gegen jedermann gegeben, an das sie sich bis zu ihrem Tod hielt. Es wurde erst 1977 im Campo Teutonico gefunden.
Heute ist die Gründerin rehabilitiert (vgl. die Darstellung „Die Sonne bleibt oben“ (2018)).

Aufgrund der Corona-Einschränkungen konnte Sr. Paulin Link ihren Vortrag nicht halten. Für sie sprang Leonhard Lehmann OFMCap ein, der eine Kurzfassung seiner Abschiedsvorlesung über das „inter“ in den Schriften des hl. Franziskus bot. Das kleine Wort kommt 25mal in den Schriften vor. Davon griff der Referent 7 Stellen auf, die sich auf die Gemeinschaft der Brüder, den sozialen Stand, die soziale Stellung, die Stellung unter Ordensleuten, das Missionsstatut, die Menschen am Rand sowie die Lehre der Theologie beziehen. Für Franziskus ist es ein unter den Menschen sein, ein Dazwischensein mit Interesse (inter esse).

Der vierte Vortrag von Udo Schmälzle OFM widmete sich „Wissen, Bildung und Schule neu denken: Impulse aus der franziskanischen Pädagogik für Bildung und Erziehung". Dazu beantwortete der Referent die Fragen: Auf welche Menschen treffen wir? Was wird aus der Gottesfrage? Was ist Auftrag an Bildung und Erziehung? Wie sieht die franziskanische Perspektive aus? Ein Ansatz: Gott nicht im Wege stehn, sondern das entdecken, was er in den Menschen wirkt. Daraus entwickeln sich die Prinzipien eines franziskanischen Schulprofils: suchen – staunen – glauben – Freiheit – Anteil nehmen (Compassion) – mitleiden – Frieden stiften – versöhntes Leben mit der Schöpfung – Option für die Armen.

Im fünften Vortrag berichtete Peter Amendt OFM über „Mein Leben und Wirken der Franziskaner mitten im Volk“. Er hat 2008 den Verein Vision:teilen gegründet, der in vielfacher Weise sein Motto umsetzt: durch einen Gute-Nacht-Bus für Obdachlose, das Projekt „Hallo Nachbar“ als aufsuchende Hilfe für Vereinsamte, durch Wohnungen für Obdachlose, einen Secondhand-Laden, die Chance Wuppertal (Hausaufgabenhilfe, Nahrungsmittelhilfe für Familien, Freizeiten für Kinder), ärztliche Hilfe für Kinder in Tadschikistan, weltweites Engagement, etwa Mikrokredite für Frauen in Kenia, Kleinstprojekte in Kenia, Uganda, Südsudan, Pakistan (Schuldsklaverei), Peru, Brasilien usw. Als konkrete Problemlage benannte er die Verschuldungsspirale. Laut dem Referenten haben wir eine gerechte, aber unbarmherzige Gesellschaft. Es braucht Zuwendung über materielle Hilfe hinaus. Doch ist das ein Kampf gegen Windmühlen? Wir verändern nicht die Welt, die Welt verändert uns. Es reicht, einigen Menschen deutlich zu machen: du bist geliebt, du bist für mich wichtig. Ob der Same aufgeht, liegt nicht in unserer Hand.

Eine konkrete Lebensform stellte Gisela Fleckenstein OFS im sechsten Vortrag vor. „Weltlich franziskanisch leben. Der Ordo Franciscanus Saecularis als Chance?“ Der OFS ist einer der Dritten Orden, die an einen entsprechenden Ersten Orden angeschlossen sind. Es werden keine Gelübde abgelegt, sondern Versprechen. Die Mitglieder sind äußerlich nicht an einem Ordensgewand erkennbar. Die Referentin stellte zunächst die historische Entwicklung bis zur aktuell gültigen Regel von 1978 dar (Apostolischer Brief „Seraphicus Patriarcha“ von P. Paul VI.). Nach der Vorstellung der Regel mit den konkreten Bestimmungen betonte die Referentin die Eigenverantwortung, beispielsweise in der Frage eines einfachen Lebensstils und des Teilens des Vorhandenen je nach eigener Situation.

Im siebten Vortrag ging es noch einmal um den Bereich Schule und Bildung. Der ehemalige Schulleiter des Franziskusgymnasiums in Vossenack Peter Schorr OFM fragte nach dem Spezifischen einer franziskanischen Bildung: „Bildung und Erziehung heute – franziskanisch“. Alle Orden beanspruchen schließlich in ihrer Schultradition eine „ganzheitliche“ Bildung. Nach dem Lebensbeispiel von Franziskus benannte er als franziskanischen Ansatz: Abstieg zu den Menschen auf Augenhöhe, präsent sein, zuhören, sich nichts aneignen, sich nicht über andere erheben und Beziehungen pflegen, die freisetzen, die anderen helfen, in sich das Bild Christi zu entdecken.

Der achte und letzte Vortrag wurde von Johannes-Baptist Freyer vorgetragen, da Markus Heinze OFM nicht aus der Schweiz anreisen konnte. Der Direktor von Franciscans International (FI) hatte seine Gedanken unter das Motto gestellt: „Der Weg zum Menschen international – Von Traum und Trauma“. Franz von Assisi hatte im Krieg mit der Nachbarstadt Perugia sein Trauma erlebt, Papst Innozenz III., den Traum, wie Franziskus die Kirche wiederherstellt. Im 20. Jahrhundert gab es das Trauma zweier Weltkriege und den Traum einer vereinten Menschheit, der mit der UNO seit 75 Jahren eine konkrete Gestalt angenommen hat. Im Jahr 2006 errichtete sie in Genf den Menschenrechtsrat. Es bedarf der Stimme der Zivilgesellschaft. FI ist eine NGO mit allgemeinem Beraterstatus (seit 1995), die immer wieder Menschenrechtsthemen einbringt. Der Referent nannte als Beispiele: Die „Hexenkinder“ in Benin, die Situation der Indigenen in West Papua, der Dammbruch mit 272 Toten in Brumadinho in Brasilien. Wie begegnen wir den Traumata der Menschen? Mit Träumen, etwa den Visionen von Papst Franziskus (Laudato si / Fratelli tutti) gemäß dem Wort „Wenn einer alleine träumt, ist es nur ein Traum. Wenn viele gemeinsam träumen, ist das der Beginn einer neuen Wirklichkeit“.

In der Schlussrunde wurde die gute Mixtur aus Theorie und Praxis, aus Historie und dem Leben heute hervorgehoben. Für eine zukünftige Veranstaltung gibt es eine ganze Reihe von interessanten Vorschlägen zur thematischen Gestaltung. Alle Teilnehmenden waren dankbar, dass die Tagung unter der Leitung von Herbert Schneider OFM trotz Corona-Einschränkungen stattfinden konnte.

Br. Stefan Federbusch

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Datenschutzerklärung   Letzte Aktualisierung: 25.10.2020 18:35